Kunstsache

Wenn ein Teddy ein Meisterwerk darstellt

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Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Emma, meine Freundin, hat ein Faible für die Teddy-Serie von Ralf Peters. Das klingt etwas niedlich, der Künstler mag das vielleicht nicht gerne hören, man muss das also erklären. Die Teddys heißen eigentlich „100 Meisterwerke“.

Der Mann muss irgendwo einen gut bestückten Stofftierladen aufgekauft haben, jedenfalls hat er mit den bunten Plüschteilen und anderem Krusch die Kunstgeschichte clever nachgestellt: Spitzwegs „Armer Poet“ ist ein müder Elefant, Vermeers „Mädchen mit dem Perlenohrring“ eine treuherzige Hundelady und Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ kommt als winzige Maus daher.

Das gleicht einem Boykott der Kunstgeschichte: Diese „Ikonen“ hat er fotografiert, dicke goldene Rahmen aufgezogen und sie kurzerhand an die Wand gehängt. Diese Bilder sind nicht neu, gehören sicher nicht zu den Hauptwerken des wandelbaren Fotokünstlers, der bei Hamburg lebt. Doch sie bringen Peters Arbeitsweise ganz gut auf den Punkt. Es ist seine spielerische wie kritische Herangehensweise, wobei die Kunst herrlich respektlos aus den Angeln gehoben wird. Was ist eigentlich Malerei? Was kann sie? Und ja, welche Funktion hat Fotografie heute? Peters fragt damit auch immer wieder nach der eigenen Position. Kein Wunder, der 52-Jährige kommt von der Malerei, hat in München bei Jörg Immendorff studiert, wandte sich konzeptionellen Raummodellen zu, vom Dreidimensionalen kam er zur Fotografie. Irgendwie folgerichtig, wenn es um Abbildungsverfahren geht. Und auch ihr traut Peters nicht in ihrem Wahrheitsgehalt.

Das Thema zieht sich wie ein roter Faden durch alle seine Arbeiten. Und dieses Hinterfragen bedeutet, dass er immer neue fotografische Inszenierungen ausprobiert. Emma und ich sind nun bei Kornfeld gelandet, die Galerie in der Fasanenstraße zeigt einen Querschnitt durch das Werk.

Gut sehen kann man, wie über die Jahre die digitalen Möglichkeiten immer größer geworden sind. Es fing damit an, dass Peters irgendwann nachts Tankstellen fotografierte, Esso und so, am Computer entfernte er alle Logos und Menschen, wenn sie überhaupt auf dem Bild waren. Rot, gelb, blau leuchten die Tankstellen im Dunkel der Nacht, doch derart entleert sehen diese Stationen alle gleich aus, sind nur noch illuminierte Zeichen im urbanen Gefüge. Verblüffend, wie modern sie heute noch aussehen, obgleich sie 15 Jahre alt sind.

Aber manche Strukturen ändern sich halt nicht, meint Emma. Ähnlich wie die Swimmingpools, die Peters überall auf der Welt fotografierte. Er ist viel gereist, aber letztlich ist das gleich. Egal ob auf den Malediven oder Gran Canaria, am Ende sind unsere Badeparadiese nichts als genormte Architektur. Und so spielt die Fotografie mit unserer Illusion. Ganz offensiv manipulierte Peters auch die Bilder der Serie „Skyline”. Ein derart schmal in die Höhe gezogenes, ästhetisches Format, knapp zwei Meter, gibt es eigentlich gar nicht. Viel, viel Weiß. Emma schaut, – und sieht erst einmal lange nichts. Unten ganz klein am Bildboden Wüste, Inseln, Täler oder Bäume. Da ist es wieder, der Flirt mit unserer Wahrnehmung.

In der neuesten Arbeit „Prince“ sehen wir durch zwei Fenster hindurch in einen Wolkenhimmel. Alles sehr blau, sehr grafisch, seltsam zeitenthoben. Ist das ein Bild im Bild, von weitem sieht das gerade aus wie eine Abstraktion von Piet Mondrian. Und wir fragen uns wieder, was ist denn eigentlich echt und was nicht.

Emma will nun unbedingt die „100 Meisterwerke“ mit den Teddys sehen. Sie wurde erhört. Es darf verraten werden: Wer ganz charmant nachfragt, darf die Bären in den Büroräumen der Galerie anschauen. (Galerie Kornfeld, Fasanenstraße 26, Charlottenburg. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 6. April)

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien