Kino

„Das Boot“ und das Geld

32 Jahre nach Filmstart könnte der Kameramann noch einmal absahnen

Jost Vacano ist nicht geldgierig. Ebenso wenig strebt er nach öffentlicher Aufmerksamkeit, selbst wenn er neben Michael Ballhaus der bekannteste deutsche Kameramann ist. Vorige Woche feierte er seinen 79. Geburtstag und hat nun vom Oberlandesgericht München ein verspätetes Geschenk bekommen. Eines, das die Filmbranche mit allen Mitteln zu verhindern suchte. Die Öffentlichkeit kennt Jost Vacano seit „Das Boot“. Die Klaustrophobie, die Kamera, die den Matrosen atemlos auf den Fersen bleibt, das absolute Mittendrinsein: Das war sein Verdienst. Eigentlich sollte die Kamera wie üblich durch geöffnete Seitenwände ins U-Boot blicken. Vacano wollte mitten hinein, wollte eine Handkamera und damit durch die Röhre hetzen. Dazu musste er die Technik erst selbst entwickeln, von der Beleuchtung über die Kamera bis zum Kreiselkompass, der sie vom Wackeln abhielt.

Zwölf Monate lang wurde gedreht, insgesamt arbeitete Vacano zwei Jahre an dem Film. Dafür erhielt er 180.000 Mark. Und sah im Lauf der folgenden drei Jahrzehnte, wie „Das Boot“ zum weltweiten Erfolg wuchs, in den Kinos Kasse machte und im Fernsehen Quote, wie es in immer neuen Metamorphosen auftauchte, TV, Video, DVD, BluRay und nach des Regisseurs Geschmack. Und allmählich sah Vacano nicht mehr ein, dass sich alle einen goldenen Bug verdienten, nur er nicht.

Vor zehn Jahren bekam er das Werkzeug in die Hand, in Form des ins Urheberrechtsgesetz neu eingefügten Paragraphen 32a. Demnach hat der Urheber einen Anspruch auf eine weitere Beteiligung, wenn die Vergütung im Missverhältnis zu den Erträgen des Verwerters steht; außerdem wurde dieser „Bestsellerparagraph“ auf den Filmbereich ausgeweitet.

Das Merkwürdige ist, dass in den vergangenen zehn Jahren kaum ein Urheber eine 32a-Klage angestrengt hat. So merkwürdig ist es wieder nicht, denn jeder Kläger zieht sich damit den Zorn der Branche zu. Außer Vacano hat das etwa die ebenfalls längst pensionierte „Pumuckl“-Erfinderin Ellis Kaut getan. Und die Pensionäre müssen einen langen Atem haben. Kauts Verfahren ist bereits im 12. Prozessjahr, Vacano hat seit 2008 zwischen Landgericht München, Landgericht Stuttgart, OLG München, Bundesgerichtshof und nun wieder Oberlandesgericht München mehr als 50.000 Euro verbraucht.

Nun hat er gewonnen – die erste Etappe. Die Bavaria muss die Karten aufdecken: Wie viel hat „Das Boot“ unterm Strich eingebracht? Deshalb gab es schon vorsichtige Angebote für einen Vergleich, der Vacano mehrere Hunderttausend Euro einbringen könnte – vorsichtig gerechnet. Vergleicht man sich nicht, stehen Vacano weitere Jahre des Zankens bevor.

Im Übrigen: Das OLG-Urteil beruht nicht darauf, dass Vacano beim „Boot“ so innovative Arbeit leistete. Das hat seine Position zwar gestärkt, aber der 32a steht jedem Kreativen offen. Die deutsche Filmbranche muss nun generell überlegen, wie sie ihre Urheber unabhängig von fixen Honoraren an Erträgen beteiligt. Es soll schon Gespräche mit ver.di geben, die entsprechenden Tarifverträge zu ergänzen.