Erzählung

Hirn, mach mal halblang

Halluzinationen können ganz schön Angst machen. Oliver Sacks erzählt schrecklich amüsante Fälle

Einmal von den kleinen Männchen abgesehen, die eventuell gerade unter Ihren Tisch gehuscht sind: Sie meinen also, Sie lesen hier einen Text. Sie meinen, dazu brauche es nichts als ein paar halbwegs sehscharfe Augen, sinnvoll angeordnete Buchstaben und die erlernte Kulturtechnik des Lesens. Wenn Sie meinen. Womöglich lesen Sie tatsächlich, und Ihr Sitznachbar kann das bestätigen. Vielleicht ist der aber nur eine Halluzination. Aus diesem Feld der Merkwürdigkeiten und scheinbaren Selbstverständlichkeiten gibt der New Yorker Neurologe Oliver Sacks mit seinen neuen Fallgeschichten einige „Stichproben“, wie er es bescheiden-sachlich nennt. Und anders als der Titel „Drachen, Doppelgänger und Dämonen“ nahelegt, erzählt er in seiner Anthologie der Halluzinationen nicht nur vom blanken Hirn-Horror. Sondern auch von freundlichen, slapstickhaften Streichen des Gehirns.

Aliens sind Nachfolger des Albs

Eine Teilnehmerin einer Narkolepsie-Tagung etwa erzählte ihm, wie sie sich beim Aufwachen auf dem Bauch liegend auf dem Rücken eines Elefanten wiederfand und ein andermal an der Zimmerdecke, von wo aus sie an einem Fallschirm langsam zu Boden schwebte: „Ich fühlte mich in eine sehr friedliche, heitere Stimmung versetzt.“ Eine ältere Dame zieht sich regelmäßig in ihr Zimmer zurück, um den Besuch von ihrem nicht wirklich vorhandenen jungen Freund zu genießen. Ein anderer erinnert sich, wie er als Kind sich die Zeit abends damit vertrieb, ein Familienfoto so lange anzustarren, bis lustige Dinge darauf passierten. Die überwiegende Mehrheit der Halluzinationen, schreibt Sacks, habe keineswegs Schlimmes zu bedeuten.

Bekannt vor allem durch sein 1990 verfilmtes Buch „Zeit des Erwachens“, geht es Sacks zum einen um ganz alltägliche, berührende Phänomene. Recht häufig sind zum Beispiel „hypnagoge“ und „hypnopompe“ Erlebnisse, also solche kurz vor und kurz nach dem Schlaf. Bei Kindern kommen sie noch häufiger vor. Aber auch viele Erwachsene kennen etwa die veränderlichen Muster, die vor dem Schlaf an das innere Lid projiziert scheinen. Weit verbreitet ist auch die akustische Halluzination, den Wecker oder das Telefon klingeln zu hören, eine Stimme, die den eigenen Namen ruft, oder das Gefühl, im Bett leicht gerüttelt zu werden. Niemand würde deshalb ernsthaft an seinem Verstand zweifeln.

Es gibt aber auch jene Fälle, in denen alte weißhaarige Frauen auf der Bettkante sitzen; in denen Gliedmaßen nicht mehr zu einem selbst gehören oder der eigene Doppelgänger neben einem im Bett liegt. Als besonders erschreckend werden Halluzinationen in Begleitung der (eigentlich sinnvollen) Schlaflähmung erlebt. Sie sind als Alb in die Kulturgeschichte eingegangen: Eine spürbar „bösartige Gegenwart“ legt sich mit Druck auf die Brust, man hat Angst zu ersticken oder entführt und missbraucht zu werden. Entführungen durch Aliens sind die direkte Nachfolger des Albs. Tödliche Macht entfalten aber (meist) nicht die Halluzinationen selbst, sondern bisweilen auch kollektive religiöse Überzeugungen. Sacks schildert den Fall einer Gruppe von Flüchtlingen aus Laos, die Ende der Siebzigerjahre nach Kalifornien eingewandert ist. Die teils traumatisierten Menschen waren sich gemäß ihrer Kultur sicher, dass Albträume töten können. Zugleich hatten sie in der neuen Heimat nicht genügend Raum, ihre (die bösen Geister beschwichtigenden) Riten auszuüben. Fast 200 dieser meist jungen und gesunden Einwanderer starben binnen kurzer Zeit – nachts. Shelley Adler, die diese Gruppe erforschte, führte das auf diese negative Erwartung („Nocebo“) zurück. Die kulturelle Verknüpfung von Schlaflähmung und Tod ist offenbar ein universelles Konzept – auch der Westen kennt den Tod als des Schlafes Bruder.

In unserem Kulturkreis hat die Halluzination nun einmal keinen guten Leumund. Während sie in anderen Kulturen als privilegierter und deshalb erstrebenswerter Bewusstseinszustand gilt, dem man mit meditativer Versenkung, Rauschmitteln oder Isolierung nachhilft, verschweigen viele ihre derartigen Erfahrungen aus Angst, für Anwärter des Wahnsinns gehalten zu werden. Was auch nicht ganz abwegig erscheint. Patienten schildern grässliche Bilder, Gerüche und Geräusche. Sie sehen Fratzen-Kabinette wie von James Ensor gemalt, hochgewachsene Männer mit dunklen Hüten, die das eigene Bett umstehen; dämonische Winzlinge wie in David Lynchs „Mulholland Drive“ (solche Zwerge sind offenbar gar nicht so selten), oder, wie im Falle eines Australiers, der sich wegen seiner Halluzinationen nicht mehr ins Bett traut, den reinen Horror: „Eine verwesende Leiche liegt neben mir. Ein riesiges Krokodil hängt an meiner Kehle. Zwei Gesichter unter einem Stein schauen mich an.“ In der Kunst und in der Literatur wimmelt es von solchen Schreckensbildern. Sacks, der immer wieder auch eigene Erfahrungen einfließen lässt (etwa Drogenkonsum oder eine Beinverletzung samt Dissoziationserfahrung), verweist auf Autoren wie Edgar Allan Poe, H. G. Wells und Herman Melville.

Geister bei Shakespeare

Und natürlich auch auf die Geistererscheinungen in Shakespeares „Hamlet“, ohne aber nun deshalb die Kunst auf die Couch zu legen. Sie ist kein mentaler Sonderfall, sie lotet, so wie Sacks sie liest, einfach die Grenzen des „Normalen“ aus.

Um noch einmal zu Ihrer Annahme zurückzukehren, hier einen Text über zwei Texte über das Gehirn zu lesen: Die Grenze zwischen Wahrnehmen und Halluzinieren, schreibt der indisch-amerikanische Neurologe, sei „nicht so deutlich, wie wir gerne annehmen. In gewissem Sinne halluzinieren wir ständig, wenn wir die Welt betrachten“. Überspitzt könne man sagen, Wahrnehmung sei „die Auswahl der Halluzination, die den oft fragmentarischen und flüchtigen Inputdaten am besten entspricht.“

Oliver Sacks: Drachen, Doppelgänger und Dämonen. Rowohlt, 352 Seiten, 22,95 Euro