Debütroman

Zurück in die Neunziger

Lachen und rauchen: Sterne-Sänger Frank Spilker stellt sein Debüt vor

Früher hat Frank Spilker eher kurze Sätze aufgeschrieben. „Universal Tellerwäscher, er wäscht wirklich Teller. Er tut nicht so,“ zum Beispiel, oder „Was hat Dich bloß so ruiniert?“ Dazu hat er gesungen und diese Zeilen mit seiner Band Die Sterne aufgeführt. Die waren mal wichtig für die deutschsprachige Popmusik, in den Neunzigern, als sich alle auf Die Sterne und Tocotronic stürzten; jedenfalls alle, die damals jung und ein bisschen klug waren. Frank Spilker kann er aber noch mehr als singen und hat seinen ersten Roman geschrieben. Und im Fluxbau direkt an Spree in Kreuzberg liest er daraus vor.

Oben im Bar-Bereich rauchen sie und unten vor der Bühne sowieso. Eigentlich eine gute Sache, dass bei Lesungen mal wieder geraucht werden kann. Weil sich die Gäste dann vorstellen, sie seien unterwegs auf einer Art Zeitreise, in die Zeit, in der eben bei Lesungen noch geraucht wurde. „Es interessiert mich nicht, aber das kann ich nicht beweisen“, so heißt das Debüt von Spilker, könnte tatsächlich noch aus so einer Zeit stammen. Irgendwie ist das ein Buch, dass es so eben in den Neunzigern gegeben hat. Erfolgloser Typ wird verlassen, er macht sich auf eine Reise, hat Wahnvorstellungen. Bei Spilker heißt dieser Typ Thomas Troppelmann und der hat in Hamburg mal eben seine Werbeagentur vor die Wand gefahren. Jetzt muss er raus und fährt zu einer alten Affäre nach Hildesheim, zu seinen Eltern ins Ruhrgebiet und am Ende in den Schwarzwald. Immer mit dem ICE. Auch total Neunziger, oder?

Natürlich hat Spilker auch seine Gitarre dabei. Aber erst sagt er mit leiser Stimme, dass er zwei Lesepositionen hat. Die eine ist nach links gewandt, das ist der normale Text, und die andere ist nach rechts gedreht, das sind dann die Episoden, die im Buch kursiv geschrieben sind. Vor ihm also der Tisch, ein Mikrofon, der Stuhl, und noch ein höheres Mikrofron zum Singen. Und dann steht er auf und spielt „Manchmal sagt man vertraute Sachen vor sich hin“ von seiner Band nur mit der Akustik-Gitarre. Ganz laid back, fast schon langweilig, aber das ist gute Langeweile. Als Musiker ist Spilker routiniert, als Autor steht er gerade am Anfang. Weil er manchmal ganz unsicher ist, sich dann verhaspelt und sich lachend wieder fängt. Und das Publikum lacht und raucht mit ihm. Spilker trägt jetzt übrigens einen Oberlippenbart, der ihn als Autor schon glaubwürdiger macht. Er dreht sich so lustig in seine Kursiv-Position, der Stuhl knarzt auf dem Boden des Podests. Kursiv und rechts gedreht heißt, das sind Kindheitserinnerungen des Ich-Erzählers Troppelmann an eine Kur in jenem Ort im Schwarzwald, an dem Spilkers Roman in einem absurden Finale endet.

Am Startpunkt seiner Reise waren die verlorene Liebe, die kaputte Agentur und eine Wasserknappheit. Als dann die Wasserflaschen und die Softdrinks ausgingen, begannen die Hamburger, Bier zu trinken. Jetzt aber sitzt der Ich-Erzähler mit einem Handtuch auf dem Kopf auf einer Parkbank im Schwarzwälder Kurort. Es regnet unendliche Wassermassen. Kurz danach sitzt Troppelmann im Hotelzimmer. Die Wasserknappheit habe es nie gegeben, es sei ein Gerücht gewesen, das zur Panik geführt hat. Troppelmann denkt wieder an seine Kindheit. Und Spilker steht auf und spielt noch ein Lied in den Rauch des Abends.