Theater

Klaus Maria Brandauer schlurft durch die Kirche

Der Österreicher spielt „Das letzte Band“ in Neuhardenberg. Und das Berliner Publikum macht dafür gern einen mühsamen Ausflug

Wehe dem, der Symbole sieht, warnte Samuel Beckett, dessen Stücke so interpretationsoffen wie formal streng durchkomponiert sind. Man denkt an den bananenliebenden Krapp, wenn man auf dem Weg nach Neuhardenberg zur Premiere von „Das letzte Band“ an einem Plakat mit der Aufschrift „Voll Banane“ vorbeifährt. Zumal im Autoradio gerade für die Veranstaltung geworben wird: Die Zusammenfassung ist zutreffender als der Wetterbericht, der Sonnenschein in Brandenburg verspricht, während wir gerade in dichten Schneetreiben fahren. Vielleicht hätten wir die Anreise mit dem Flugzeug in Erwägung ziehen sollen, sie wird auf der Homepage der Stiftung Schloss Neuhardenberg als Option erwähnt, es gibt einen Flughafen, der zu DDR-Zeiten vom sowjetischen Militär genutzt wurde. Der Ort hieß damals Marxwalde, um die aristokratische Vergangenheit zu kaschieren.

Neuhardenberg ist ein klassisches Straßendorf, die geduckten Häuser und kleinen Höfe schmiegen sich entlang einer Straße, dominiert wird der Ort durch die Schinkel-Kirche und das benachbarte Schloss. Das Ganze erinnert ein bisschen an Franz Kafkas Roman „Das Schloss“. Das hiesige wurde 1785 errichtet; 1996 erhielt die Familie von Hardenberg ihr Eigentum zurück. Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband kaufte die Liegenschaften, sanierte Schloss und Park „grundlegend, aber einfühlsam“ und veranstaltet dort neben Tagungen und Kongressen auch ein ausgefeiltes und ambitioniertes Kulturprogramm.

Ein regelmäßiger Gast ist Klaus Maria Brandauer, auch Martin Wuttke und Jonathan Meese, allesamt Großkünstler, waren schon hier. Sophie Rois, Corinna Harfouch, Dagmar Manzel und Matthias Brandt sind angekündigt. Die Saison beginnt mit einem modernen Klassiker, mit Becketts vor 55 Jahren in London uraufgeführten Einakter „Das letzte Band“. Klaus Maria Brandauer spielt den Monolog unter der Regie von Peter Stein.

Zahlreiche Gäste treffen frühzeitig ein. Auf den reichlich vorhandenen Parkplätzen stehen viele Autos mit Berliner Kennzeichen. Man belohnt sich für die doch recht lange Fahrt durchs winterliche Brandenburg mit einem Essen in der alten Brennerei. Die meisten Tische sind reserviert, der Schauspieler Jörg Gudzuhn sitzt an einem, jeder der reinkommt, schaut sich nach Bekannten um. Wer zu spät kommt, weicht in den „Großen Saal“ aus, dem zweiten Sammelpunkt vor der Premiere. Dort gibt es die Karten und einen Begrüßungsdrink, ein Fernseh- und ein Hörfunkteam befragen Gäste.

Das Gotteshaus ist noch verschlossen. Zwei Hostessen stehen unterm sternenklarem Himmel und einer so aparten Mondsichel, die romantische Gefühle auslöst, in dieser frostigen Nacht vor der Schinkel-Kirche und beantworten die wirklich wichtigen Fragen: Ist die Kirche geheizt? - „Ja“. Wann ist Einlass und sind die Plätze nummeriert? Sie sind es, am Eingang werden außerdem Decken angeboten, die Sitzbänke sind gepolstert und die Evangelische Kirchengemeinde weist auf Zetteln darauf hin, „dass die Ablagen für die Gesangbücher, aber nicht zum Stützen der Füße bestimmt sind“.

Plötzlich sitzt Klaus Maria Brandauer auf der Bühne. Vorn ihm ein Schreibtisch, die Schubladen zeigen in den Zuschauerraum, darüber eine große Lampe, alles ist so, wie es Beckett in seinen Regieanweisungen, die ungefähr ein Drittel des Textes einnehmen, geschrieben hat. Regisseur Peter Stein ist ja dafür bekannt, dass er mit großem Respekt vor dem Autor inszeniert, im Zeitalter des in Deutschland herrschenden Regietheaters wirkt das mitunter etwas antiquiert.

Brandauer schweigt lange, schlurft in seinen übergroßen Schuhen (mindestens Größe 48, forderte Beckett) über die mit schwarzen Vorhängen begrenze Spielfläche. Geht zur Schublade, sucht den Schlüssel in seinen Taschen, schließt auf, holt eine Banane raus und isst sie genüsslich. Später folgt eine zweite, vor 30 Jahren, da hat Krapp sogar drei gegessen. Jedes Jahr an seinem Geburtstag hört er sich ein altes Band an und bespricht, sein Leben abermals resümierend, ein neues. Brandauer kostest die Wörter aus, schmeckt sie im Mund. Ein Theatergottesdienst.

Schinkel-Kirche Neuhardenberg. Termine: 17. und 22 bis 24. März. Karten: Tel.033476-600750.