Kunstsache

Ein surreales Marionettentheater

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Schwarze, überlebensgroße Gliederpuppen schweben an der Decke. Ein surreales Marionettentheater. Merkwürdiger Effekt, denn von Weitem sehen sie aus wie Strichmännchen an den weißen Galerienwänden, sehr grafisch wirkt das Ganze. Erst als Emma dicht davor steht, erkennt sie, dass die einzelnen Körperteile Gebrauchsgegenstände aus unserem täglichen Leben sind: Kartoffelstampfer, Lampenschirme aus Draht, Spazierstöcke, Küchenbretter, Wäscheklammern. Obwohl diese Figuren überschlank sind, erinnern sie irgendwie an die bekannten Figurinen in Oscar Schlemmers Triadischem Ballett. Die Klassische Moderne lässt grüßen! Meine Freundin Emma entdeckt darin eher die Reduktion afrikanischer Skulpturen. Genau, das ist das Spiel, was Wiebke Siem, Jahrgang 1954, mit uns treibt, sie macht überall künstlerische Anleihen und lädt sie mit eigener Bedeutung auf. Alles andere liegt im Auge des Betrachters.

Die Künstlerin, in Kiel geboren, die heute in Berlin lebt, dürfen wir uns wohl als passionierte Sammlerin vorstellen. Sie zieht über Flohmärkte, um genau jene Utensilien zu finden, die sie für ihre Installationen benötigt. In Berlin dürfte sie da keine Not haben. Fehlt etwas Spezielles, bestellt sie bei Ebay.

Vor einigen Jahren arbeitete Siem noch anders, viel erzählerischer, stark an der eigenen Kindheit, biographisch orientiert. Wir erinnern uns an den Raum mit den altmodischen Küchenmöbeln und der gespenstisch großen Deckenlampe mit den Beinen über dem Tisch. Dieses Interieur kennt sie selbst. „Niema tego złego coby na dobre nie wyzło“, nannte die Künstlerin die melancholische Installation. Mit diesem Titel zitiert Siems ihre polnische Mutter, die diesen Satz zum Schlichten bei Familienstreiterein einsetzte. Ihre Erinnerung bleibt, doch die Möbel, die hat sie in ihren neuen Arbeiten ausrangiert. (Galerie Johnen, Marienstr. 10. Di-Sa 11 bis 18 Uhr. Bis 13. April)

Mit Erinnerungen arbeitet auch die Künstlerin und Illustratorin Anna Boghiguian. Emma stürzt sich gleich auf die weißen Baumwollhandschuhe, die liegen parat, damit der Besucher den auf dem Pult Skizzenblock selbst durchblättern kann. Das dicke, stark genutzte Papierbuch ist wohl so etwas wie das Tagebuch. Zehn Seiten blättert Emma durch, die Frau ist eine ungemein starke und lebendige Zeichnerin. Da ist nichts aseptisch, sondern authentisch und spontan im Strich. Das ist selten geworden. Andere würden da lieber auf ihr Smartphone zurückgreifen. Boghiguian ist eigentlich immer mit dem Kohlestift oder dem Kuli im Anschlag wie eine Pistole unterwegs. Ohne sie wäre sie wahrscheinlich verloren zwischen den Welten. Sie ist schlecht zu verorten, ihre Biographie bleibt seltsam vage. 1946 in Kairo geboren, lebt sie heute „nomadisch“ zwischen Ägypten, Indien und Europa, liest man in ihrer Vita. Sie hat Kunst und Musik und Wirtschaft studiert. Vielleicht ist das einfach ihre Strategie, sich geografisch zu entziehen. Jedenfalls hatte sie hier in Berlin beim daad ein Kurzstipendium, und auf der letzten documenta 13 in Kassel war sie auch vertreten.

Tatsächlich könnte man ihre Zeichnungen auch als Etappen einer langen Reise deuten. Kein Thema, was ihr nicht unterkommt. Seien es die Lebensumstände von Leprakranken in Indien oder das urbane Gefüge von Kairo. Eindrücke, Ideen, Architektur, sogar Adressen (NBK) hält sie fest. Da Berlin nun einmal viel an historischer Erinnerung bereit hält, war der Output entsprechend: Paare, Passanten, Café Einstein, Checkpoint Charlie, alles dabei. Mit Hilfe der Stolpersteine versucht sie das Leben von Lucia und Georg Blumenfeld zu rekonstruieren. Und natürlich interessiert sie Nofretete, in vielen Facetten findet die Lady vom Nil Eingang in die Bilderwelt der Künstlerin. (daad, Zimmerstr. 90, Mo-Sa 11-18Uhr. Bis 30. März)