Neue Serie zum Fernsehfilm

Schmutz, Blut, Kälte

Der ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ zeigt den Zweiten Weltkrieg schonungslos brutal

Kritik am weich gespülten Seniorinnenprogramm sonntagabends im ZDF ist wohlfeil. Doch wer an Herzschmerz a la „Rosamunde Pilcher“ oder „Inga Lindström“ gewöhnt ist, dürfte am kommenden Sonntag schwer enttäuscht werden. Denn statt auswechselbarer Romanzen mit immer denselben Darstellern wird es äußerst brutal und dreckig. Schon in der ersten Folge des ZDF-Dreiteilers „Unsere Mütter, unsere Väter“ springt die Gewalt des Vernichtungskrieges den Zuschauer unmittelbar an. In schonungslos inszenierten Bildern, vor allem aber in den Gesichter der durchweg fast unbekannten Schauspieler.

Verbrechen der Wehrmacht

Drastischer als je zuvor in einem deutschen Film zeigen Produzent Nico Hofmann, Drehbuchautor Stefan Kolditz und Regisseur Philipp Kadelbach Verbrechen der Wehrmacht im Vernichtungskrieg an der Ostfront. Schon in der ersten Folge erschießt ein Zugführer offenbar regungslos einen gefangenen Rotarmisten. Ein SS-Offizier ermordet ein kleines Mädchen, um einem jungen Landser eine Lektion zu erteilen – auch wenn ihm dabei Hirn und Blut ins Gesicht spritzen. Außerdem treiben Wehrmachtssoldaten russische Zivilisten als „menschliche Schutzschilde“ in einen verminten Sumpf.

Der zweite Teil am Montag überbietet solche Exzesse noch – etwa wenn ein Peloton aus neun deutschen Soldaten sechs Bauern hinrichtet. Doch ein Schuss geht fehl, eine junge Frau bleibt stehen. Da lädt einer der Soldaten nach, geht ganz nah an sie heran und schießt ihr aus kaum einem Meter Entfernung in den Kopf. Man sieht Hirn und Blut aus dem Schädel spritzen.

Nun gehört die Darstellung extremer Gewalt zum Repertoire des Genres, das man gewöhnlich „Antikriegsfilm“ nennt. So wie Liebesfilme üblicherweise einseitig romantisch sind, verherrlichen normale Kriegsfilme Heldentum und Kampfkraft der Soldaten – während das Gegenteil, eben der „Antikriegsfilm“, die Gewalterfahrungen von Einzelnen in den Mittelpunkt stellt, als Opfer und als Täter. Für das deutsche Fernsehen jedoch erreicht „Unsere Mütter, unsere Väter“ eine neue und ernsthafte Dimension der Gewaltdarstellung. Der Kontrast zu rein voyeuristischen Inszenierungen wie bei „Inglourious Basterds“ von Quentin Tarantino fällt besonders auf. Das betrifft nicht nur die ausgewählten Verbrechen, die nachgestellt worden sind, sondern auch die Gesamtgestaltung der drei Teile.

Der Regisseur und sein Kameramann David Slama haben sich deutlich an der Ästhetik von Filmen wie „Der Soldat James Ryan“ oder hochgelobten Serien wie „Band of Brothers“ orientiert. In beiden US-Produktionen bekommen Kampfszenen durch hartes Licht und Filter eine gewisse Fremdartigkeit – und wirken gerade dadurch unmittelbar. Dieser inszenatorische Trick hebt die Gestaltung des Dreiteilers ab von anderen deutschen Kriegsfilmen, etwa den beiden Stalingrad-Dramen „Hunde, wollt Ihr ewig leben“ von Frank Wisbar (1959) und „Stalingrad“ von Joseph Vilsmaier (1993). Auch der Kontrast zu Bernhard Wickis „Die Brücke“ ebenfalls von 1959 ist deutlich. Im Gegensatz zu diesem Drama um den so verzweifelten wie sinnlosen Verteidigungskampf irregeleiteter Jugendlicher lässt „Unsere Mütter, unsere Väter“ keinerlei Raum, um Kriegsverherrlichung zu vermuten.

Natürlich ist die Ausgangssituation des Drehbuchs rein fiktiv. Die Einzelschicksale der fünf Hauptfiguren sind jeweils für sich selbst denkbar, aber die Beziehungen untereinander höchst unwahrscheinlich. Das macht aber nichts, denn der Dreiteiler vermittelt dem Zuschauer nicht den Eindruck, die Handlung selbst orientiere sich an der Wirklichkeit.

Fünf befreundete Berliner, drei junge Männer und zwei Frauen, stehen im Mittelpunkt. Nur drei von ihnen überleben und sehen sich am Ende des letzten Teils in ihrer Kneipe wieder, wo sie sich anfangs voneinander verabschiedet haben. Der Leutnant Wilhelm will unbedingt ein guter Soldat sein, desertiert dann aber. Sein kleiner Bruder Friedhelm ist zuerst Kriegsgegner und wird doch zum zynischen Vollstrecker. Der junge Jude Viktor gerät in den Mahlstrom des Rassenwahns, seine Eltern werden deportiert. Er versucht die Flucht mit falschen Papieren, wird aber festgenommen. Viktor kann aus dem Zug nach Auschwitz fliehen und schließt sich einer Partisanengruppe an. Dagegen lässt sich Viktors „arische“ Freundin Charlotte mit einem SS-Offizier ein, macht Karriere – und landet schließlich im Gestapo-Gefängnis. Greta schließlich geht als begeisterte Krankenschwester in ein frontnahes Lazarett. Hier erlebt sie das Sterben und wird desillusioniert, macht sich sogar selbst eines Verrates mit tödlichen Folgen schuldig.

Natürlich ist es extrem unwahrscheinlich, dass es tatsächlich eine solche oder ähnliche Konstellation gegeben hat. Das macht aber nichts, denn derlei Verdichtungen gehören zur künstlerischen Freiheit eines Drehbuchautoren. Wichtiger ist, dass die Produktionsfirma Teamworx alles getan hat, um realistische Bilder zu gestalten. Das bestätigt der Berliner Militärhistoriker Sönke Neitzel: „Der Aufwand hat sich gelohnt. Schmutz, Dreck, Kälte vermitteln sich den Zuschauer ebenso wie Angst, Freude und Verzweiflung der Soldaten.“

Wagnis für den Sendeplatz

Der Dreiteiler vermeidet, dem Zuschauer eine konsumierbare „Moral“ zu präsentieren. Darin geht „Unsere Mütter, unsere Väter“ über das erzählerische und ästhetische Vorbild „Band of Brothers“ hinaus. Die Miniserie hatte die aus US-Sicht einleuchtende Botschaft von Heldentum der „größten Generation“ erzählt, die unter Einsatz ihres Lebens Hitler-Deutschland und Japan niederrang. Das war die einzige Einschränkung.

Der ZDF-Dreiteiler, der am Sonntag, Montag und Mittwoch jeweils um 20,15 Uhr läuft, ist ein Wagnis. Leicht konsumierbarer Stoff jedenfalls ist „Unsere Mütter, unsere Väter“ gewiss nicht – und allein das ist ein großer Fortschritt für den prominenten Sendeplatz.

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