Konzert

Und plötzlich ist ein U2-Song genauso wertvoll wie Chopin

Crossover ohne Tamtam: Ein Treffen mit den 2Cellos

Die Musikindustrie sollte aus Demut drei Mal am Tag der Videoplattform Youtube danken. Weil dieses Portal nämlich dazu führt, dass in regelmäßigen Abständen Musiker, die irgendein Video hochladen, entdeckt werden. Wenn ein Video besonders oft angeschaut wird, so ab einer Million, spricht man davon, dass dieses Video „viral“ geworden ist. Und dann schlägt die Plattenfirma zu. Justin Bieber ist so eine Youtube-Entdeckung. Auch wenn der Koreaner Psy schon seit 2001 Platten veröffentlicht, richtig abgesahnt hat er erst durch das Video zu „Gangnam Style“. Genauso wie Bieber oder Psy wurden auch die beiden Musiker Luka Šulić und Stjepan Hauser durch ein Online-Video bekannt. Die beiden klassisch ausgebildeten Cellisten setzten sich 2011 in London hin und spielten eine eigene Version von Michael Jacksons „Smooth Criminal“ ein. Sieben Millionen Klicks. Plattenfirma. Vertrag. Hat sich also gelohnt. Seit zwei Jahren veröffentlichen sie jetzt schon unter den Namen „2Cellos“.

Mitten an der Friedrichstraße steht ein Hotel, das wirklich nur für Außendienstmitarbeiter aus den Achtzigern gebaut worden sein kann. Da ist eine Passage, die durch das Gebäude hindurch läuft. Mit verschiedenen, günstigen Restaurants. Und am Ende der Passage beginnt dann das Hotel. Da kommen einem ganz viele Menschen mit Ausweisen an der Brust entgegen. Irgendein Pharmazeutenkongress. Die beiden Cellisten wollten noch ihre Cellos holen, sie müssen gleich schon weiter. Und weil sie sich beim Cello-Holen aus ihrem Zimmer ausgesperrt haben, sitzen sie jetzt ohne Cello und ziemlich müde an einem kleinen Glastisch neben der Rezeption des Hotels.

Stjepan Gazser meint, dass Musik schon ihr Leben gerettet habe. Beide wuchsen in Osteuropa auf. Luka in Slowenien und Stepjan in Kroatien. Kennengelernt haben sich beide in einer Cello-Meisterklasse in Kroatien. Die Stadt in der Hauser groß wurde, ist Pula. Er hat immer Cello geübt, sagt Hauser, und das hat sich ja ausgezahlt, wie er findet. Ein bisschen spielen beide ihre Kindheit schon hoch, also die negativen Aspekte. Schließlich sind sie ja gut behütet aufgewachsen. Wer in der frühesten Jugend Cello übt, später dann in London, Wien und Amerika studiert, so schlecht kann das ja alles nicht sein. Lukas Vater war sogar schon selbst Cellist. Mit fünf begann dann Lukas Ausbildung. Und zehn Jahre später, war er mit fünfzehn der jüngste Student der Musik Akademie von Zagreb.

Luka ist 25. Stjepan 26. Aufgrund ihres Alters aber auch ihrer guten Ausbildung wegen, halten sie diese Unterteilung in U-, E- und F-Musik wie hier in Deutschland für großen Quatsch. „So kann man Musik doch nicht bewerten. Für mich ist ein U2-Song genauso viel wert wie Chopin“, sagt Stjepan bestimmt. Und deswegen spielen die beiden als 2Cellos größtenteils Crossover-Stücke. Also bekannte Pop- oder Rocksongs, die sie mit klassischen Instrumenten umarrangieren und Ihnen so eine neue Stimme geben. Dieses Crossover-Ding scheint tatsächlich ratsam, möchte man als klassischer Musiker zu Geld kommen. Es gibt einen ganzen Industriezweig der davon lebt. Das Vitamin String Quartett, eine Gruppe aus Los Angeles, hat sich darauf spezialisiert, Rock- und Pop-Alben mit Geigen instrumental aufzunehmen. Die Produktionskosten sind gering, die Aufnahmen durchschnittlich, aber der Verkauf über das Internet läuft prächtig. Aber auch Größen wie David Garrett oder Nigel Kennedy, keiner von beiden hätte so einen Status ohne den Katalaysator Popsongs. Dazu schmücken sich beide noch mit den Insignien der Rockmusik. Bei Garett sind es die schweren Lederstiefel und die Totenkopfringe, bei Kennedy der Ausdruck und die Frisur aus dem Punk. Die 2Cellos verzichten auf derlei Tammtamm.

So spielen sie „Oh, Well“ von Fleetwood Mac“ und Elton John singt dazu, einfach nur zwei Cellos, die Stimme Johns und ein bisschen Hall. Und bei „Clocks“ von Coldplay greift auf ihrer neuen Platte „In2ition“ Lang Lang in die Tasten. „Fünf Minuten hat er dafür gebraucht“, meint Luka, und man merkt, dass er den Pianisten wirklich bewundert und er erzählt, wie Lang Lang das Stück in einem Studio in Rom eingespielt hat. Da treffen sich drei Musiker, die sich eigentlich gar nicht kennen, und weil die Plattenfirmen ein bisschen vermitteln, kommt der chinesische Pianist nach Italien, spielt auf das ihm unbekannte Stück der britischen Band in der Interpretation des slowenisch-kroatischen Cello-Duos. Und am Ende ist das Crossover.

2Cellos, heute Abend in der Passionskirche, Marheinekeplatz 1, 20 Uhr