Bühne

Dantes Hölle liegt im Wedding

Das Performance-Kollektiv Signa treibt im Club Inferno ein perfides Spiel mit den Zuschauern

Der Orpheus ist ein Netter. Wenn man freundlich zu ihm ist, schmeißt er seine Elektro-Lyra an und überhaupt ist der gelockte Knabe der erste Höllenbewohner meines Lebens. Noch erscheint das Inferno mit seinem guten Dutzend Räumen etwas unübersichtlich.

Ohne Schuhe unterwegs

Viel Plüsch, viel Gold, geradezu mondän, dicke Teppiche, im Inferno ist man ohne Schuhe unterwegs. Der Hausherr, Herbert Godeux, empfängt uns und erzählt vom „Club Inferno“. Den hatte Mama Beatrice, Herberts Stimme zittert, vor zehn Jahren hier im Wedding, dritter Hinterhof, gegründet, aber dann verstarb Mama und nun hält er ihr Erbe aufrecht. Er sei hier im Club unser Vergil, unser Guide also, einen gleichnamigen hatte Dante in seiner „Göttlichen Komödie“. Auch eine Beatrice, die war aber nicht seine Mutter, sondern seine Sehnsuchtsgeliebte, was bei Herbert aufs selbe hinausläuft. Dann übergibt Herbert uns einem seiner Pierrots, die jeden zu der ihm zugedachten Station geleiten. So bin ich bei Orpheus gelandet. Den quetsche ich jetzt mal aus. Über die neun Danteschen Höllenkreise. Ich höre von Völlerei und von Sodomiten und Verrätern, von Wollüstigen und Jähzornigen. Feine Gesellschaft.

Ausgedacht hat sich das Ganze auf Einladung der Volksbühne das Performance-Kollektiv Signa, bestehend aus Signa und Arthur Köstler sowie dem Bühnenbildner Thomas Bo Nilsson. Sie sind berüchtigt für ihre perfiden Parallelwelten, in denen sich die Grenzen zwischen Darstellern und Publikum komplett auflösen. Dem Ort des Geschehens kommt dabei eine zentrale Rolle zu, site-specific nennen das die Theoretiker und das ist keine neue Erfindung: Schon im Mittelalter wurden lokale Gegebenheiten ins Spiel einbezogen, wenngleich ohne politische Absicht. Die aber hatte Christoph Schlingensief als er 2000 für sein Projekt „Ausländer raus“ in Wien Asylbewerber öffentlich in einen Container steckte. In den Jahren danach war gerade Berlin eine Hochburg des ortsspezifischen Theaters. Das war vor allem Matthias Lilienthal, dem Chef des HAU, zu verdanken. Während seiner Intendanz konnten sich Zuschauer zum Beispiel bei „Cargo Sofia“ von Rimini Protokoll in einem seitwärts verglasten LKW von einem bulgarischen Fernfahrer zu citynahen Fernfahrerraststätten kutschieren lassen und das Konzept „X Wohnungen“, bei dem Privatwohnungen bespielt wurden, hat es als Exportschlager inzwischen bis nach São Paulo geschafft.

Das Signa-Team perfektioniert das in einer neuen Dimension, denn es arbeitet nicht mit Räumen, die aus sich selbst heraus bereits aufgeladen sind. Es sei denn, man wolle unterstellen, dass der Wedding per se höllisch sei. Was hier entsteht, entsteht erst zusammen mit den Zuschauern. Und zwar mit einer hermetischen Perfektion, die ebenso einmalig wie faszinierend ist. Es sind vollkommen in sich geschlossene Systeme. Im Fall des Inferno-Clubs sogar doppelbödig, denn mein Orpheus heißt eigentlich Nick. Und ist zusammen mit all den anderen hier, dazu verdammt, Nacht für Nacht die Strafen aus Dantes Totenreich nachzuspielen. Damit haben wir es nicht mehr mit antiken Gestalten zu tun, sondern mit diesseitig Gebeutelten. Denen geht es, je üppiger der Wodka fließt, immer schlechter. Vor meinen Füßen bricht eine Blondine zusammen, ich helfe ihr hoch und ernte hämisches Lachen von einem der Clowns, die sowas wie die Aufseher in diesem Grusel-Ghetto sind. Wieder so eine fiese Machtkonstruktion, zuletzt war Signa 2008 in Berlin zu sehen, mit „Die Erscheinungen der Martha Rubin“ auf dem Theatertreffen und auch in dieser Stadtsimulation ging es um Unterdrückerverhältnisse.

Als Zuschauer muss man sich ständig überlegen, was man tut oder besser lässt. David zum Beispiel möchte nicht. Zu viert ziehen wir Zettelchen, auf denen Strafen stehen, denen sich eine Dame namens Tania unterziehen muss. David möchte ihr nicht den nackten Rücken auspeitschen, obwohl sie ihn anfleht. Blöde Situation für David. Andere Gäste sind weniger zimperlich, in der Abteilung „Völlerei“ sehe ich einen jungen Clubbesucher, der sich vom dicken Koch Sahne von den Lenden lecken lässt.

Überhaupt gerät hier alles aus dem Ruder, Nacktheit greift um sich. Und Gewalt. Seit gut drei Stunden sind achtzig Clubgäste und etwa halb so viele Darsteller einander ausgeliefert. Es geht das Gerücht, einige Besucher würden als Helden auserkoren, mein Orpheus hat da seine Finger im Spiel. Ich gebe mein Bestes: Ich besiege Penthesilea im Armdrücken, lasse mich als Voyeurin beschimpfen und ich quatsche mit Kleopatra, die dann jäh von einem Clown sexuell drangsaliert wird. Mit einem heulenden Sklaven geh ich zum Trost eine Zigarette rauchen. Ständig werde ich in den Po gekniffen, von nackten Füßen berührt, zimperlich darf man hier nicht sein. Je später der Abend, desto schwüler, schmutziger und erbärmlicher wirkt das alles.

Auch um Herbert steht’s gegen Mitternacht übel. Der hat sich mit Mamas Perlen behängt und trägt ihre Perücke. Mein Orpheus liegt besoffen im Gang, ich bin nicht seine Heldin geworden. Aber Tschüss sagen will ich noch. Er sagt, die anderen Helden seien ein Reinfall gewesen. Dann legt er den Arm um mich. Er ist schon ein Netter, der Orpheus. Am liebsten würde ich ihn retten, einfach mitnehmen. Aber der wär ja verloren, allein da draußen im dunklen Wedding.

Noch bis zum 21. April. Das Kartenprozedere ist kompliziert, es wird nicht nur ein Ticket, sondern auch eine Einladung benötigt, die vorab abzuholen ist. Unbedingt informieren unter www.volksbuehne-berlin.de .