Konzert

„Durch und durch männlich“

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Katharina Fleischer

Die Geigerin Lisa Batiashvili gibt gleich zwei Konzerte in Berlin. Brahms steht auf dem Programm

Es ist, mal wieder, Winter in Berlin. Eisig weht ein unangenehmer Ostwind durch die Stadt. Lisa Batiashvili macht das scheinbar nichts aus. Fröhlich und gut gelaunt trifft man sie im Berliner Mandala-Hotel am Potsdamer Platz an. Sie hat an diesem Tag Geburtstag, sie wird vierunddreißig. Und sie freut sich sehr über die Blumen, die sie erhält. Strahlend erzählt sie, dass sie später den Tag mit ihrem Sohn verbringen wird, ihr Mann ist nachgekommen. Ihr stehen anstrengende Proben bevor: In dieser Woche tritt sie zweimal in Berlin auf – in zwei Sälen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch nervös wirkt sie nicht. Sie kennt sowohl die Philharmonie als auch das Konzerthaus, weiß, wie ihre Stradivari-Geige an welchem er beiden Orte klingen muss. „Man muss sich halt mehr zuhören.“ Die wechselnden Spielstätten machen ihr nichts mehr aus, sie ist es nun gewöhnt, ihr Spiel flexibel zu halten.

Lisa Batiashvili ist keine Diva. Obwohl sie es sein könnte, gemessen an dem Erfolg, den sie zur Zeit hat: Capell-Virtuosin bei der Staatskapelle Dresden, Exklusivvertrag mit der Deutschen Grammophon und eine große Tour durch die Länder der Welt mit Johannes Brahms und Sergei Prokofjews Violinkonzerten prägen die zweite Hälfte der Saison 2012/13 in ihrem Terminkalender. Doch von Allüren ist bei ihr nichts zu sehen. Eher eine unbändige Freude darüber, so viel Geige spielen zu können. „Ich vermisse Brahms richtig, wenn ich ihn nicht spiele“, antwortet sie auf die Frage, ob man des Violinkonzerts nicht auch überdrüssig werden könne. Aber anstrengend ist es sicher oder? „Es ist schon strapaziös. Man muss seine Kräfte sehr gut einschätzen können. Man muss sie verteilen, damit man nicht nach den ersten zehn Minuten schon total erschöpft ist.“ Energie für das Werk erhielt Lisa Batiashvili durch die Arbeit mit Christian Thielemann. „Er hat eine unglaubliche Energie und Ausstrahlung in das Werk gebracht, die ich immer noch spüre, wenn ich es heute spiele.“ Es sei ein sehr männliches Konzert, für einen Mann, den Geiger Joseph Joachim, geschrieben, das merke man. Und wie sieht ihre weibliche Interpretation aus? „Ich versuche, sehr viele Passagen auszusingen. Man muss mit dem eigenen Körper das Werk mitfühlen.“

Was gibt Lisa Batiashvili die Kraft, die man spürt, wenn man sie auf der Bühne erlebt? Motor ihrer Karriere sind die Kindheitserfahrungen im Hause ihrer Eltern in Georgien. Der Vater war selbst Geiger und gab privat Unterricht. „Das war so schön, wie die Kinder mit der Geige unter dem Arm zu uns kamen. Ich wollte das auch probieren.“ Die fünfjährige Lisa steigt gleich voll ein. Bereits mit zwölf Jahren kommt sie zum Studium nach Hamburg – mitsamt der Familie. Die Eltern hatten zur richtigen Zeit den richtigen Instinkt. Denn die politische Lage in den 90er Jahren ist schwierig in Georgien. Mit der Ausreise retten Lisa Batiashvilis Eltern die Fähigkeiten und die Zukunft ihrer Tochter.

Es lief dann sehr gut für Lisa Batiashvili. Auf den zweiten Preis des Sibelius-Wettbewerbs in Helsinki mit 16 Jahren folgen in ihrer Biografie Zusammenarbeiten mit vielen großen Namen wie Vladimir Ashkenazy oder Simon Rattle. Doch trotz dieser Erfolge weiß Lisa Batiashvili, wo ihre Heimat ist. Die Umstände in Georgien machen ihr weiter Sorgen. Und wie sieht die Zukunft aus? Welche Träume bewegen eine Geigerin, die schon vieles erreicht hat? „Ich möchte gerne lernen, mich im Streichquartett wohlzufühlen. Das ist so eine andere Art der Interaktion.“ Wird man sie damit auch live erleben können? „Erst mal fange ich damit privat an.“ Das reicht vielleicht erst einmal.

Konzerte: heute, Philharmonie, 20 Uhr. Dienstag, Konzerthaus Berlin, 20 Uhr.