Oper

„Wagner-Heroinen stehen mir“

Violeta Urmana singt an der Deutschen Oper die Isolde und die Kundry. Ein Treffen

Auch Wagner-Heldinnen können herzhaft lachen. Violeta Urmana findet die Frage komisch, ob die großen Wagner-Partien anstrengender zu singen sind als andere Opernrollen? „Wenn man eine Wagner-Stimme hat, dann ist es das einfachste der Welt“, sagt sie und lacht. Gerade erst hat sie als Brünnhilde in der konzertanten „Siegfried“-Aufführung beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Marek Janowski debütiert und ist gefeiert worden. In der Deutschen Oper wird sie am Donnerstag ihr Berlin-Debüt als Isolde geben. Drei Vorstellungen von „Tristan und Isolde“ sind mit ihr angesetzt. Und gleich danach singt sie zweimal die Kundry im „Parsifal“.

Durchhaltevermögen braucht man

Das sind drei Hammer-Partien selbst für die Singelite. Aber die gebürtige Litauerin, Jahrgang 1961, nimmt das ganz pragmatisch. Für die Isolde brauche man natürlich auch Durchhaltevermögen. „Ich liebe es immer, die Takte zu zählen“, sagt sie und rechnet einmal ihre Partien vor. „Eine normale Verdi-Partie hat so um die 800 Takte. Die Isolde hat 1725 Takte. Die Kundry um die 500, die „Siegfried“-Brünnhilde um die 400. Man muss die Dimensionen kennen.“ Dass die Brünnhilde die schwerste Partie sein soll, hält sie für reines Schubladendenken. Jeder muss es für sich ausprobieren. „Jede Stimme ist anders“, sagt sie: „Sicherlich werden junge Leute heute verführt, viel zu schwere Partien zu singen. Hauptsache, man sieht gut aus, wie ein Model.“

Aber warum sind die richtig guten Wagner-Sängerinnen immer so stämmig gebaut? „Der Körper spiegelt auch einen Stimmtyp“, sagt sie, man müsse „nicht fett oder großartig stark gebaut sein, aber man braucht viel Erfahrung, die richtige Stimmtechnik und natürlich auch physische Stärke.“ Manche Sängerinnen hätten einen zierlichen Körper mit viel Stimme drin, sagt sie und lächelt. Nein, so ganz ernst nimmt sie ihre schmächtige Konkurrenz wohl nicht. Aber die Sängerin kann auch über sich selbst lachen. Umgekehrt habe sie am Anfang ihrer Laufbahn auch die Traviata, die dahin siechende Kurtisane, studiert, „aber mein Körper ist mehr für etwas Heroisches geeignet. Diese Wagner-Heroinen stehen mir einfach gut.“

Violeta Urmana ist eine Operndiva, die ihr Herz auf der Zunge trägt, nicht nur auf der Bühne, sondern auch im Gespräch. Eine Frau, die um ihre Größe und auch ihre Grenzen weiß. Vor einem Jahr hat sie in New York ihre letzte Aida, eine von Verdis Paraderollen im italienischen Fach, gesungen. „Ich war klug genug, keine weiteren Angebote in dem Fach anzunehmen“, sagt sie: „Früher waren die schwebenden Spitzentöne im Pianissimo für mich gar keine Frage. Mit der Zeit merkt man, dass die Stimme robuster wird und dann entscheidet man sich lieber fürs hochdramatische Fach.“ Im Moment ist die Isolde ihre bevorzugte Partie. Eine Brünnhilde vom Dienst will sie nicht werden. Im Alter müsse man schon aufpassen, das Richtige zu singen, sagt sie. Und das klingt auch ein bisschen kokett, denn die meisten Sängerinnen dieser Welt können davon nur träumen.

Ursprünglich hatte Violeta Urmana Klavier studiert. Das war in den späten Siebziger- und Achtzigerjahren in Litauen. Spät erst wechselte sie zum Gesang, landete schließlich im Opernstudio der Bayerischen Staatsoper. Noch heute lebt sie mit ihrem Mann, dem italienischen Tenor Alfredo Nigro, bei München. Aber eigentlich ist sie nur unterwegs. Die Einsamkeit des Berufs ist für sie kein Thema. Künstlerisch habe sie sich alle Träume erfüllt, sagt sie, und das Nightlife brauchte sie nie. „Ich gehe nicht einmal ins Kino, weil dort Leute sitzen, die niesen.“ Nach den vielen Auftritten und Erfolgen verspürt sie immer weniger Aufgeregtheit. „Es tendiert mehr zum Stress, weil man ja seinem Namen gerecht werden muss“, sagt sie.

Auf der Opernbühne singt sie Wagners genialisch verdrehte, von Erlösung- und Opfergedanken getriebene Frauenfiguren. Aber darüber denkt sie weniger nach. „ Ich bin da nicht so philosophisch veranlagt. Ich lese auch nicht, was alles drum herum passiert. Ich nehme die Partitur, lese den Text und höre die Musik, was die aussagt. Das Publikum weiß ja auch nicht, was vorher alles passiert ist. Es nimmt die Geschichte so, wie sie erzählt wird.“ Aber nicht immer ist alles eins zu eins darstellbar. Dann müsse sie als Interpretin herausfinden, was die Frau in der Rolle eigentlich sagen will. „Im Italienischen singt man: Ich liebe dich, ich liebe dich“, nimmt sie als Beispiel: „Im Klartext aber heißt es, ich bin mir ganz unsicher.“

Die letzte Deutung liegt bekanntlich immer in den Händen der Regisseure, die oftmals weder beim Publikum, noch bei den Sängern beliebt sind. In Interviews ziehen sich deshalb die meisten Sänger gern auf Belanglosigkeiten zurück, wenn es um Regisseure geht. Man will ja niemanden beleidigen und das eigene Geschäft schädigen. Frau Urmana dagegen schwärmt geradezu vom Berliner Skandalregisseur Hans Neuenfels, mit dem sie hier Verdis „Troubadour“ und in Wien „Le Prophète“ gemacht hat. „Ich liebe ganz verrückte Inszenierungen, es kann für mich nicht modern genug sein“, sagt sie: „Aber es darf nicht vulgär sein. Im Theater kann man vieles besser lösen, als es mit Sexspielen zu bebildern. Dazu braucht man nicht die Oper.“

Überraschenderweise ist sie gegenüber Dirigenten, und sie hat mit den Größten zusammen gearbeitet, deutlich kritischer. „Manche ziehen im Orchestergraben ihr sinfonisches Konzept durch und scheren sich nicht um das, was oben auf der Bühne passiert“, sagt sie: „Wer nie auf der Bühne stand, weiß nicht, wie schwer es ist, zwei Töne zu verbinden und wie es uns geht, wenn das Tempo zu langsam ist.“ Manchmal habe sie lange Listen mit Wünschen an Dirigenten weiter gegeben.

Dass Sänger im Opernbetrieb immer weniger Gewicht haben, dass sei bereits in Zeiten von Montserrat Caballé so gewesen. Die spanische Primadonna habe einmal einem Dirigenten entgegnet, er solle es doch bitte so machen, wie sie es ihm gesagt habe. Schließlich müsse sie dem Publikum ihr Gesicht zeigen, er nur sein Hinterteil. Erzählt Violeta Urmana und lacht.

Deutsche Oper, Bismarckstr. 55, Charlottenburg. Tel. 34384343. „Tristan und Isolde“ am 14.,17. und 23.3.; „Parsifal“ am 29.3. und 1.4.