Architektur

„Das war ein harter Ritt“

Die Berliner Architekten Kuehn Malvezzi haben das Berggruen Museum umgebaut und erweitert

Es gibt Architekten, die leben in weiträumigen, schicken Gebäuden mit einigem Glamourfaktor. Das kann man dann in Edelglanzmagazinen bewundern. Und es gibt jene, die betreiben eine Art Understatement. Dazu gehört sicher das erfolgreiche Berliner Trio Kuehn Malvezzi, sie arbeiten mit ihrem Büro seit über zehn Jahren in einem recht schäbigen Industriekomplex an der Heidestraße, gleich hinter dem Hauptbahnhof. Umgeben von Autoschlossern, viel Graffiti und noch mehr urbaner Tristesse. Das Namensschild ist klein, ziemlich schwer zu finden, und wenn man die aufzugsfreien Stockwerke hinaufsteigt über die fiesen Treppen, fragt man sich, ob man sich vielleicht nicht doch in der Adresse getäuscht hat. Das Morbide gehört zum Programm. Das sehen wohl Graft genau so. Die Architekten, die häufig mit Brad Pitt zusammen arbeiten, haben hier ihr Domizil, ebenso wie das Designstudio Aisslinger. Nur die vielen Galerien, die einmal für illustre Vernissage-Nächte sorgten, sind längst weggezogen.

Und dann steht man drin im Büro, Wilfried Kuehn empfängt im smarten blauen Anzug, weißes Hemd. Dazu gehört noch sein Bruder Johannes, die Frauenpower stellt Simona Malvezzi, die weibliche Verstärkung aus Mailand. Die zwei sind gerade nicht da. Die ganze Etage umfasst 1000 Quadratmeter, angefangen haben die drei mit der Hälfte, licht, schlicht, weiß, reduziert. „Unser Studio bildet einen Kontrast zu unserer Architektur, die sehr perfektionistisch ist. Aber Künstler sind mit ihren Studios ja nicht unbedingt am Kudamm oder an der Friedrichstraße“, sagt Wilfried Kuehn.

Zwei massive Holzbalken kreuzen sich auf dem Boden des Besprechungszimmers, eine Installation von John Bock, irgendwo steht noch das Video dazu. An den Wänden im Flur hängen großformatige Fotos von Candida Höfer: die verfallene Binding-Brauerei, die Kuehn Malvezzi für die documenta 11 im Jahr 2002 in Kassel in ein Ausstellungshaus umbauten. Die bekannte Fotografin passt genial hierhin, sie hat ein Faible für leere, große Räume und Gebäude. Deshalb fotografiert sie seit einigen Jahren schon die Projekte der Berliner Architekten. Die wiederum haben für die Künstlerin ihr Atelier umgebaut. So kommt die Kunst zur Architektur – und umgekehrt.

Ein neuer Skulpturengarten

20 bis 30 Mitarbeiter sind in der Heidestraße beschäftigt, je nach Auftragslage. Und die sieht derzeit ziemlich gut aus. Kuehn Malvezzi sind angesagt, was Museumsbauten und Ausstellungsdesign für junge Kunst betrifft. Ihre Projektliste umfasst kleingedruckt mehrere Seiten. Die Flick-Hallen gehören dazu, die Berlinische Galerie auch, das Belvedere in Wien, die Julia Stoschek Collection, eine Privatmuseum für Medienkunst in Düsseldorf. Auch fürs Humboldt Forum hatten die drei einen Entwurf eingereicht. Derzeit laufen in Berlin gleich drei Aufträge: das Bet- und Lehrhaus Petriplatz, das Kunstgewerbemuseum am Kulturforum, das sie in ein modernes Design- und Modehaus umwandeln wollen. Ende nächsten Jahres soll es fertig werden. Ganz oben an steht das Museum Berggruen, das am 15. März eröffnen wird.

„Ein harter Ritt“, erzählt Wilfried Kuehn. Die Herausforderung bestand darin, den alten Stülerbau mit dem dem neuen Gebäude, einem ehemaligen Offiziersgebäude am Spandauer Damm zu verbinden. Allerdings war dieser Bau sehr marode in seiner Substanz, zuletzt ein Kindergarten, und nicht einfach herzurichten für eine moderne Museumsarchitektur. Kleine Räume, niedrige Decken, viele Fenster, nicht gerade ideal zum Ausstellen. Ein Glas-Portikus wird die beiden Häuser zusammenführen und dabei gleichzeitig eine Öffnung zum neu angelegten Skulpturengarten darstellen. Von innen kann man in den Himmel gucken, erzählt Kuehn. Picasso, Matisse, die Klassische Moderne werden hier ihre neue Heimat finden. „Anders als die Gegenwartskunst, die auf den ersten Blick oft brachial daher kommt und sich ihren eigenen Raum erobert, muss man bei den zarten, feinen Formaten der Klassischen Moderne in den kleinen Räumen darauf achten, dass sie weder zu privat wirken noch von den Leuchten, Klimaauslässen und Rauchmeldern bedrängt werden. Wir haben daher alle Details so unsichtbar wie möglich gemacht, um einen eleganten Raum zu erhalten.“

Kunst und Architektur gehören für Wilfried Kuehn, Jahrgang 1967, ohnehin eng zusammen. „Wir sind Raumkünstler, arbeiten wie Künstler, weil wir konzeptionell ausgerichtet sind, uns nicht nach Geschmacksfragen richten. Uns interessieren räumliche Lösungen, die starke Ideen und politische Aussagen haben. Da brauchen Sie eine gewisse Rigorosität im Denken!“ Architektur, findet er, werde oft missbraucht, von der Gesellschaft und Politik gleichermaßen als Repräsentation, Aushängeschild oder Branding. Versteht sich von selbst, dass sein Büro kein Marketing in eigener Sache braucht. „Da gibt man die Freiheit auf, da wird man Instrument einer anderen Kraft.“ Schön, wenn man so etwas sagen kann.

Kuehn schaut nicht nur positiv auf den deutschen Museumsbetrieb: „Man muss aufpassen, dass unsere Museen nicht nur Schatzhäuser sind und dadurch zum Mausoleum werden.“ Er meint damit, dass die Häuser technisch immer perfekter aufgerüstet werden, Klima, Lüftung, Sicherung. „Da ist jeder Besucher fast schon ein Störenfried, weil er die Temperatur im Raum verändert oder den Werken zu nahe kommt. Die Museen verschlingen einiges für den konservatorischen Teil, während die Ausstellungsbudgets zu klein sind.“ Und so komme es unweigerlich zur Dominanz der immer ähnlicheren Blockbuster-Ausstellungen. „Die Megaschauen mit sechs- bis siebenstelligen Besucherzahlen sind die andere Seite derselben Medaille, denn sie sind die einzigen Ausstellungen, die durch Ticketverkauf, Merchandising und Sponsoring wirklich für Einnahmen sorgen. Aber welches Seherlebnis haben Sie in einer stark besuchten Ausstellung? Eine Ausstellung muss auch mit 30 bis 50 Tausend Besuchern erfolgreich sein können. Das heißt, man will sie sich aus inhaltlichen Gründen leisten.“

Alle Projekte und Wettbewerbe entwickeln die drei Architekten grundsätzlich zusammen. Simonetta bringt da einen Hauch italienische Grandezza hinein. Streit? „Gibt’s, ja, aber im guten Sinne. Ein Ideenstreit ist ein zentrales Element, da kann man seine Idee testen. Alleine würde man sich schnell zu sehr gefallen.“ So entscheiden sie über extreme Projekte wie beim Bet- und Lehrhaus in Mitte. Dort wollen die drei auf dem alten Fundament ein massives Ziegelbauwerk mit Meter starken Wänden errichten. „Unsere Entwürfe gründen auf einer zentralen Idee und setzen diese mit Schlüssigkeit, Logik und architektonischer Stringenz ins Werk. Es sind keine lockeren Skizzen, die aus plötzlichen Anwandlungen und Träumen entstanden sind.“ Gerade wollen wir Kuehn nach seiner Fantasie befragen. Da schiebt er nach: „Deswegen sind unsere Entwürfe nicht langweilig“.