Theaterkritik

Claus Peymann schickt Schiller in den Zirkus

Die Inszenierung von „Kabale und Liebe“ ist unentschieden

Gern gibt ja Claus Peymann, Intendant am „Berliner Ensemble“, den Oberlehrer der Theaternation. Dann weiß er theoretisch immer ganz genau, wie Autoren generell und Klassiker im Besonderen geschützt werden müssen vor Regie-Monomanen. Irgendeinen Eindruck macht das Gezeter fast immer – der alte Löwe brüllt halt noch. Praktisch allerdings, das heißt: beim Blick auf eine Peymann-Premiere, ist die Enttäuschung dann umso größer – wie zum Beispiel jetzt angesichts des lärmend-haltungslosen Durcheinanders, das er angerichtet hat mit einem Stück, das ihm heilig sein sollte: Schillers „Kabale und Liebe“.

Peymanns Bühnenbildner Achim Freyer, auch so ein alter Wilder, kam zwar nicht zur Premiere, wohl weil er noch an der Mannheimer „Götterdämmerung“ arbeitet – er hat der Inszenierung aber immerhin eine durchaus ernst zu nehmende Kunst-Behauptung mit auf den Weg gegeben. Über der leeren, schwarz gähnenden Bühne hängt (mal mehr, mal weniger hoch und geneigt) ein Ring aus Scheinwerfern und markiert geschlossene Welten; Gefängnisse, begrenzt durch etwas so Unfassbares wie Licht. Innerhalb des Ringes markieren drei an Zügen hängende Requisiten die Orte des Stücks – die Machtzentrale des herzoglichen Präsidenten ziert dann ein an den Beinen höher gestellter Thron, und beim Musiker Miller zu Hause gibt’s nur einen weißen Stuhl. Wo Lady Emily Milford residiert, die Mätresse der Macht, hängt eine Schaukel. Die Requisiten machen zwar ein wenig Mühe, aber mit diesen Bildern hätte eine bedenkenswerte Schiller-Schau entstehen können.

Doch ob er überhaupt etwas wollte mit Schiller, und wenn ja: was, das hat der Regisseur entweder nicht entschieden, oder er hat es nicht zeigen können. Ein wenig Zirkus ist im Spiel – ganz hinten, an der Brandmauer und hinter durchsichtig-schwarzem Vorhang, stehen fast immer alle Akteure parat, um in Freyers Licht-Ring zu treten; und das Ehepaar Miller, Traute Hoess und Martin Seifert, absichtsvoll nachlässig ausstaffiert, zeigt die Verzweiflung der Bürger-Familie eher als Ulknummer; es wird überhaupt viel gelacht, mehr als üblich bei Schillers Trauerspiel. Dankenswerterweise druckt das „Berliner Ensemble“ ja stets den Text im Programmbuch ab; und so ist nachzuprüfen, dass diesem Schiller (fast) jede politische Dimension ausgetrieben worden ist. Das macht Schiller doch so haltbar – dass er die politische Fabel an die nicht mehr sehr gegenwartshaltige Geschichte von den Standesgrenzen bindet. Und ausgerechnet Peymann kappt viel von dem, was er immer für sich reklamiert – eminent politisch zu sein.

BE, Bertolt-Brecht-Platz 1, 11., 16. März.