Kunstsache

Beuys und der arme Poet in Kreuzberg

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Emma steht vor der Fassade der Galerie Veneklasen/ Werner (VW) in der Rudi-Dutschke-Straße und guckt da hinein. Sieht irgendwie komisch aus, doch in der Verglasung spiegelt sich das urbane Leben am Check Point Charlie. Autos rauschen vorbei, Radfahrer schlängeln sich durch den Verkehr, Touristen eilen ins Mauermuseum. Das ist ein Teil des Berliner Alltags.

Und drinnen bei VW stehen wir in einer Zeitmaschine: Hier kehrt mit den Aktionskünstlern der 60er und 70er Jahre ein hoch politisiertes Berlin der damaligen Zeit zurück. „Shakers und Movers“ heißt die Schau von „Klassikern“ wie Karlheinz Stockhausen, Valie Export über Jürgen Klauke bis zu Yoko Ono, die Galeriedirektorin Birte Kleemann clever und höchst interessant zusammen gestellt hat. Vieles war in der Form so noch nicht zu sehen, die Ausstellung hat durchaus museale Qualitäten.

Es lässt sich gut nachvollziehen, wie der politische Aktionismus damals zur Praxis wird, um das System der jungen Bundesrepublik zu hinterfragen. Man experimentiert mit neuen Medien, der Film kommt hinzu, auch der eigene Körper wird zum Instrument nicht nur der Selbstvergewisserung, sondern der Rollendiskussion. Eines der interessantesten Dokumente jener Jahre und heute definitiv immer noch ein Aufreger ist Ulay’s symbolische Kunstraub-Aktion „Irritation... There is a Criminal Touch to Art“ von 1976.

Ein Krimi bei viel Regen und in Schwarzweiß: Da fährt der coole Ulay, der mit seinen langen Haaren und dem offenen Hemd aussieht wie gecastet, mit seinem alten Van an der Neuen Nationalgalerie vor, geht rein, holt Carl Spitzwegs „Armen Poeten“ kurzerhand von der Wand, haut ab damit, an den Wärtern vorbei. Erstaunlich, dass das möglich war. Packt das weltbekannte Gemälde in eine Decke, fährt mit dem Wagen Richtung Kreuzberg, Muskauerstraße. Dort hängt er den armen Poeten an die BlümKörchentapete einer Wohnung einer armen türkischen Gastarbeiterfamilie. Ulay sabotierte damit das gängige Bild vom einsamen und genialen Künstler, und fragte gleichzeitig nach dem Wert der „deutschen“ Kunst in anderen Kulturen. Ein Kumpel Ulay’s filmt diesen Gaunerzug aus dem eigenen Auto, aus Angst, dass auch er verklagt wird. Ulay flieht, in München wird er verhaftet. Ein anderer Freund kaufte ihn frei.

Auch Joseph Beuys nutzt West-Berlin als politisches Pflaster. Zusammen mit einigen Assistenten fegt er 1972 den Karl-Marx-Platz während und nach der Demo zum 1. Mai frei. Den Müll, Flyer und Dreck kippt er in seine „Demokratie“- Plastiktüten. Diese Reste von der Strasse präsentiert er anschließend in der Galerie René Block, ein Diskussionsabend beschäftigt sich mit einem Lieblingsthema Beuys’: die Verblendung durch Ideologien. 10.000 der Tüten ließ Beuys damals produzieren, acht DM kostete eine, heute ist sie für 1500 Euro zu erwerben. Wenig später sollte Beuys, Mitbegründer der Grünen, sein Büro „Organisation für direkte Demokratie“ auf der Documenta 5 in Kassel eröffnen.

Genau dort klettert Performer James Lee Byars aufs Dach des Fridericianum und schreit deutsche Namen ins Kunstvolk hinunter. Das war damals eine ziemlich heikle Angelegenheit. Das goldene Megaphon und das knallrote Tüllkostüm auf dem Sockel und an der Wand erinnern daran, nur noch brave Relikte, die den Sprengstoff von einst kaum erahnen lassen.

Doch ein Stück Kunstgeschichte haben hier alle Künstler besetzt, sagt Emma beim Hinausgehen auf die Straße. Ein Auto hupt laut, willkommen zurück in der Berliner Gegenwart. (VW, Rudi- Dutschke-Str. 26. Öffnungszeiten: Di-Sa 11-18 Uhr. Auf Anfrage)

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien