Klassik-Kritik

Andris Nelsons bringt die Philharmoniker zur Raserei

Ein irrlichterndes Programm, ein zielsicherer Dirigent, ein mit Solisten reich bestücktes philharmonisches Orchester.

Mozart, Wagner, Schostakowitsch. Was haben die drei miteinander zu tun, außer Überraschungen der gegensätzlichsten Art zu säen? Dafür sorgte am Pult der vorzügliche Andris Nelsons, der als einer der möglichen Nachfolger von Sir Simon Rattle gilt. Er servierte ein Programm wie eine Speisekarte, gespickt mit wundervollen Zutaten. Die kleine Mozart-Sinfonie B-Dur KV 319, für eine kammermusikalische Besetzung konzipiert, lässt Nelsons gegen die „Tannhäuser“-Ouvertüre krachen, dass einem die Ohren vor Bewunderung dröhnen, bezwungen aber auch von der Gewalt des musikalischen Aufbaus des Werkes, das man ja immer noch den Frühwerken Wagners zurechnen muss. Aber welche Vollendung! Wagner wusste halt schon früh, was er konnte und spielte sein Können aufs kunstvollste und gleichzeitig saftigste aus.

Schostakowitschs Sechste gleicht einer Schachtel voller Überraschungen. Der 1. Satz will buchstäblich kein Ende nehmen bei seinem kunstreichen Fischen im Trübsinn. Wieder einmal zeigt sich die Welt in Grau und Grau und versucht nicht einmal, Hoffnung auf einen Stimmungswechsel zu machen. Man gewöhnt sich geschlagene zwanzig Minuten lang an den kunstreichen Missmut, den Schostakowitsch den Hörern aufs musikalische Brot streicht. Sie ließen die 6. Sinfonie des Meisters denn auch in ihrer Sympathie deutlich hinter ihrer Vorgängerin wie ihrer Nachfolgerin zurück. Dann aber beginnt ganz unerwartet der 2. Satz in einem überaus munteren Allegro, überbordet nur noch von der bezaubernden Raserei des Presto im dritten, dem Schluss-Satz. Wenzel Fuchs bläst seine Klarinette geradezu backensprengend, Andreas Blau läst seine Flötentöne in die schiere Unendlichkeit klingen. Es setzt Musikvergnügen am laufenden Band. Und das Publikum genießt es in vollen Zügen.