Opernchoreografie

Ehrenrettung für Sasha Waltz

Die Choreografin wird bei Daniel Barenboim an der Staatsoper Wagners „Tannhäuser“ inszenieren. Und noch mehr ist im Gespräch

Sasha Waltz inszeniert Richard Wagners „Tannhäuser“ als große Premiere bei den Festtagen 2014. Das war die überraschende Mitteilung von Stardirigent Daniel Barenboim am Montag im Schiller-Theater. Zuletzt war der gute Name der Choreografin mit einem bösen Aufschrei verbunden: Sie werde Berlin verlassen, verkündete sie nach einem Gespräch mit Kulturstaatssekretär André Schmitz, und für ihre Tanzcompagnie einen neuen Standort suchen. Die Stadtflucht begründete sie mit unerträglichen finanziellen Belastungen, die von der öffentlichen Hand nicht ausgeglichen werden. Es geht um 1,9 Millionen Euro zusätzlich und ein festes Haus, was das Land Berlin nicht gewähren kann und möchte. Das Ganze fand vor ungefähr einem Monat statt. Zeitgleich gab es auch die „Tannhäuser“-Gespräche mit der Staatsoper.

Eine schnelle Entscheidung

Von einer Ehrenrettung will Daniel Barenboim nichts hören. „Es ist uns eine große Ehre“, sagt er. Beim ganzen kulturpolitischen Drumherum winkt der Dirigent nur ab. „Die besondere Sinnlichkeit von Sasha Waltz ist für ‚Tannhäuser‘ geeignet“, lobt er. Sie inszeniere an der Staatsoper, „weil sie eine große Künstlerin ist“. Er hat sie sich gewünscht. „Daraufhin habe ich mich gleich mit ihr getroffen“, sagt Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm: „Wir haben geredet, was die technischen Voraussetzungen sein müssen. Das habe ich dann gleich mit unseren technischen Leuten geklärt. Danach haben wir uns bei Daniel getroffen und noch einmal alles durchgekaut.“ Eine bemerkenswert schnelle Entscheidung.

„Sasha Waltz muss in der Stadt bleiben“, sagt Flimm. „Sie ist ein Highlight in Berlin, eine tolle Farbe im kulturellen Spektrum. Stellen wir uns mal vor, sie wäre jetzt in Barcelona oder so, dann müssten wir immer dorthin fliegen.“ Sasha Waltz, die vor kurzem noch so verärgert auf den Putz gehauen hat, war bei der Pressekonferenz nicht dabei und wollte auch kein Statement abgeben. Sie sei gerade in intensiven Proben zu „Sacre“, hieß es aus ihrer Compagnie. Aber bei der Jahresvorschau der Staatsoper am 11. April werde sie Fragen auch zum „Tannhäuser“ beantworten. Bei der Gelegenheit wird offiziell auch ihre Ballettproduktion von Strawinsky „Le Sacre du printemps“ verkündet, die im Oktober diesen Jahres an der Staatsoper Premiere hat.

Und bereits weitere Projekte habe Barenboim mit ihr vorgesehen, heißt es. „Das kann ruhig so weiter gehen. Ich bin sehr dafür“, sagt Intendant Flimm: „Wir sind traditionell das Theater, das mit Sasha Waltz zusammen arbeitet. Und beide Seiten wollen das.“ Die Staatsoper habe viel koproduziert mit ihr, zuletzt „Matsukaze“. Sasha Waltz hat den Begriff der choreografischen Oper eingeführt. Mit „Dido & Aeneas“ gelang ihr 2005 der erste große Wurf, in einer Opernchoreografie auf neuartige Weise Musik, Gesang und Tanz zu verknüpfen. In ihrer Compagnie sollen die Darsteller zunehmend Allrounder sein. Das große Aquarium in „Dido & Aeneas“ machte großes Staunen auch in der Staatsoper. Unter den Linden fand zwei Jahr später auch die Deutschlandpremiere der Opernchoreografie „Medea“ zur Musik des französischen Komponisten Pascal Dusapin statt.

Barenboim lobt insbesondere ihre Produktion von Berlioz’ „Romeo et Juliette“ an der Opera Bastille. Die hätte er beinahe, wenn es zeitlich geklappt hätte, als Gastspiel in Mailand dirigiert. Er schwärmt geradezu von dieser Produktion. „Es gibt eine Tradition“ von Sasha Waltz an der Staatsoper, so Barenboim. Kulturstaatssekretär Schmitz ist sehr erleichtert darüber. „Ich freue mich über die Kooperation mit der Staatsoper“, sagte Schmitz am Montag. Seit seinem Eklat mit Sasha Waltz betont er regelmäßig, ein echter Fan von ihr zu sein. Jetzt kündigt er an, dass es „der Anfang für eine engere Kooperation mit der Opernstiftung“ sein kann.

Die Opernstiftung hat mehr Geld, so viel lässt sich schon sagen. Und es gibt drei Opernhäuser zu bespielen. Allerdings ist dort das konkurrierende Staatsballett Berlin der Platzhirsch. Die dortige Nachfolgerfrage hat auch mit zum Zerwürfnis mit Sasha Waltz geführt. Bereits seit einem Jahr wurde die Nachfolge für den gealterten Spitzenstar und Scheinintendanten Vladimir Malakhov verhandelt.

Tanztheater kontra Spitzenballett

Eine gute Handvoll Choreografen, die das traditionelle Ballettgeschäft führen können, waren im Gespräch. Aber auch die Doppelspitze eines Traditionalisten gemeinsam mit Sasha Waltz, die als großer Name irgendwie in Berlin angebunden werden muss, wurde durchgespielt. Letzteres ist offenbar gescheitert. Während Malakhovs Rückzug allgemein anerkannt wird, musste sein Nachfolger, der Spanier Nacho Duato, bei seiner Vorstellung ahnungslos einige Prügel einstecken. Ein alter Graben- oder besser Verteilungskrieg aus den Neunzigern ist in Berlin wieder ausgebrochen: Tanztheater kontra Spitzenballett.

Gerade auch Staatsballettchefin Christiane Theobald wurde als Graue Eminenz kritisiert. Tritt man einen Schritt zurück, ist etwas Spannendes zu beobachten. Die Ballettchefin war einst über die Deutsche Oper aus Charlottenburg an die Staatsoper nach Mitte gekommen und schließlich mit der Fusion der drei Ballettkompagnien zum Staatsballett Berlin betraut worden. Die Zuschauerzahlen stimmen seither. Nur irgendwann stellte sich heraus, dass Malakhov und die eigentliche Intendantin Theobald mit Barenboim nicht können. In den Wirren der Staatsopern-Sanierung und Umzüge fand sich das Staatsballett Berlin plötzlich in der Deutschen Oper wieder. Theobald ist an ihre Urstätte zurückgekehrt. Und dort wird ihr Spitzenballett wohl auch bleiben.

Sasha Waltz ist über die Sophiensäle und die Schaubühne an der Staatsoper zum Star heran gewachsen – und längst international erfolgreich. Sie hat ihren ganz eigenen Zugang zum Musiktheater gefunden. Und offenbar ihr Standing an Barenboims Staatsoper. Jetzt hat also alles wieder in eine natürliche Konkurrenz gefunden: Die großen Rivalen in Berlin heißen künftig Staatsballett, residierend an der Deutschen Oper, und Sasha Waltz, die das Image der Staatsoper mitprägen wird.