Opern-Kritik

Wenig Stimme unterm Hut

Mit der „Götterdämmerung“ fand Guy Cassiers‘ „Ring“-Inszenierung ihren Abschluss

Es ist erreicht! Wagners Mammutwerk vom „Ring des Nibelungen“ liegt nun fest an der Rampe der Staatsoper im Schiller-Theater vertäut und ist zur Besichtigung freigegeben. Die Premiere der „Götterdämmerung“ bewies wieder einmal, was für musikalischer Aufrührer jener Richard Wagner war. Er ging unbeirrt seinen eigenen Weg durch Nacht, Nebel und Düsternis. Seine Kunst unterwarf sich keiner Vorschrift, biederte sich niemandem an. Das lässt sie immer noch überwältigend und überraschend erscheinen, zumal wenn Daniel Barenboim am Pult der Staatskapelle steht. Es ist vor allem der Abend der Orchestermusiker – ein Abend, der immerhin fast sechs Stunden dauert.

Barenboim ist ein kraftvoller Musiker, der seit eh und je weiß, wann er den Musikhahn kräftig aufdrehen muss, die Vorstellungen Wagners in satten Klang zu verwandeln, vor dem es sich nicht mehr ausreissen lässt. Die „Götterdämmerung“ ist unerbittliche Knochenarbeit. Kein Gedanken an Italiens Lieblichkeiten kämen auf, wenn die in Guy Cassiers’ Regie vor sich hinschwelgenden Dekorationen nicht wären, dieser rätselhafte Singsang der Projektionen, der nur gelegentlich mit angemessener Stimme, liebenswürdig und dramatisch zugleich unterstützend, in das musikalische Geschehen eingreift.

Überdies rollen auf sich verschiebenden, strahlend hoch sich auftürmenden Rampen immer wieder die Mannen Gunthers ins Bild, immer wieder auf der Suche nach ihrem Herrn, der seine Mannen aber auch schlecht zusammenrufen kann, dazu fehlt es ihm ein wenig an Stimme. Die macht sich in den feinen Kreisen am Hofe der Giebichungen sowieso ziemlich rar. Da hilft es auch wenig, Prinzessin Gudrune durch ihr irrsinniges Kostüm optisch derart aufzubrezeln, dass der arme Siegfried im Grunde ausreißen müsste. Das aber tut er leider Gottes nicht.

Am stärksten leidet die Aufführung unter der unzureichenden vokalen Besetzung. Die Sängerinnen und Sänger sind ihren Aufgaben nicht immer gewachsen. Das drückt natürlich auf das Klima der Aufführung. Jan Storey singt den Siegfried mit lauter, doch durchaus unheldischer, eroberungsuntüchtiger Stimme. Schlimmer noch steht es um Gunther, den Gerd Brochowski verkörpert. Unter seinem Hochzeitszylinder regt sich nur wenig Wohlklang. Selbst Michael Petrenko ist mit der Rolle Hagens gründlich überfordert. Beste Figur unter den Männern macht ausgerechnet Johannes Martin Kränzle mit der kleinsten Partie. Er raunt als Alberich seinem Sohn Hagen nachdrücklich und imponierend seine bösen Lebensaufgaben ins Ohr. Aber glücklicherweise gibt es in der „Götterdämmerung“ ja auch noch hervorstechende Frauenpartien. Eine der dankbarsten hat sich Marina Prudenskaja eingefangen. Sie singt mit großer Energie und Tonschönheit den Riesenbericht der Waltraute, die der ahnungslosen Brünnhilde die Beschreibung des heruntergekommenen Walhall überbringt. Allerdings - wer in Walhall noch immer so vortrefflich zu singen versteht und gelernt hat, kann sich im Grunde nicht beklagen. Unangefochtene Singheldin des Abends ist natürlich Irène Theorin als Brünnhilde. Sie bringt alles mit, was die mordsschwere Rolle erfordert. Es gelingt ihr sogar auf dem zackenreichen Walkürenfelsen nicht niederzustürzen oder sich in der unendlich langen, herzlich überflüssigen Schleppe, die sie hinter sich herziehen muss, zu verheddern. Nein, sie schreitet durchaus erhaben in den Flammentod. Vier von Wagner nicht vorgesehene Tänzer hat die Inszenierung hinzuerfunden und setzt sie höchst eindrucksvoll ein. Der Chor, von Eberhard Friedrich einstudiert, singt prachtvoll und mit männlicher Kernigkeit. Nun muss man nur noch dem Augenblick entgegenharren, an dem nicht allein „Götterdämmerung“ auf dem Spielplan steht, sondern bei den Festtagen der komplette „Ring des Nibelungen“. Dann auch wird man richtig das Verdienst der Inszenierung Cassiers abwägen können.

Das schöne Wort vom „Ende gut, alles gut“ kommt einem einstweilen noch nicht in den Sinn. Allerdings verdient die „Götterdämmerung“ durchaus den Besuch: allein schon wegen Wagner, Barenboim und Theorin – und den als Alberich heimlich aufhuckenden Johannes Martin Kränzle.

Staatsoper im Schiller-Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg. Tel. 20354555 Termine: 6., 10., 31.3.