Theater-Kritik

Er kann zuhören: Verliebt in den Porzellanhund

„Neuköllateralschaden“ in der Neuköllner Oper

„Die haben ja wohl ’nen Schaden“ – das könnte man öfter denken auf diesem Premierenabend. Haben sie auch: Einen „Neuköllateralschaden“. So jedenfalls heißt die „Kiezkantate“, die dieser Tage in der Neuköllner Oper zum ersten Mal aufgeführt wurde. In Badelatschen und Hawaiihemd tritt Tobias Bartholmeß ans Klavier. Beherzt greift er in die Tasten – Bühne frei für ein Mischmasch aus Lesung, Musical, Oper und vor allem: guter Unterhaltung.

Im vergangenen Oktober haben die Neuköllner Oper und die Heinrich-Böll-Stiftung sechs junge AutorInnen in Neukölln herumgeschickt, mit der Aufgabe, den Kiez zu beobachten und aufzuschreiben, was ihnen dabei passiert. Die Erzählungen wurden dann musikalisch und dramaturgisch aufgepeppt. Drei davon kommen nun in „Neuköllateralschaden“ zur Aufführung

Der „Opernabend“ beginnt mit der Erzählung „Gottes Gnade über Neukölln“. Schauspieler Alexander Capistrain stürmt mit einem lauten „Fick die Henne“ auf die Bühne. Das garantiert die ersten Lacher und läutet den Tenor der Geschichte ein. Es geht hier um zwei proletenhafte Kumpels, die im Schnäppchencenter Neukölln auf wundersame Weise in einen Mordfall geraten. Doch die beiden sind nicht schuld. Ein Einhorn ist der Täter. In Überlebensgröße erscheint es projiziert auf der Leinwand, eine Zeichentrickfigur in bester Disneymanier.

Doch die Erzählung wird unterbrochen, die Szene wechselt hinüber zu Uta Bierbaums Geschichte von „Uschi und Bolle“. Typisch Frau, denkt man, hier geht es um Beziehungskisten. Und tatsächlich: Bierbaum führt den Zuschauer in das Wohnzimmer eines Liebespaars. Uschi träumt davon, Lana del Ray zu sein. Sängerin Julia Gámez Martin, geschminkt wie eben jene Künstlerin, singt einen ihrer Songs täuschend echt nach. Doch die Realität ist anders: Uschi ist mit Bolle zusammen und es läuft gar nicht gut. Bolle spricht lieber mit einem hässlichen Porzellanhund als mit seiner Freundin.

In der dritten Geschichte ist der Rentner Volker im Mittelpunkt. „48 Jahre Mietvertrag in Neukölln“ – hier ist der alteingesessene Neuköllner vertreten. Seine Irrungen und Wirrungen mit der neu zugezogenen türkischen Kultur sind von Alexander Capistrain als eine Hommage an Horst Schlämmer dargestellt, der zu guter Letzt noch seinen Schnurrbart verliert und damit an Sympathie gewinnt.

Die 75-minütige Kiezkantate ist durch und durch erfrischend. Die Schauspieler treten mit Textbüchern auf, die Kostüme sind auf der Bühne, es wirkt gekonnt improvisiert. Denn das Ensemble schafft es, dass der Zuschauer die Darstellung ernst nimmt. So ist es in Neukölln eben: ein wenig chaotisch, aber dadurch lebendig.

Weitere Vorstellungen am 7., 8., 9., 14. und 22.3.