Dokumentarfilm

Behinderung ist nicht gleich Unfähigkeit

Der Dokumentarfilm „Gold – Du kannst mehr als du denkst“ begleitet drei Sportler auf dem Weg zu den Paralympics

Alle Sporttreibenden kennen das Gefühl: Wie man beim Schwimmen, Laufen und Radfahren sich selbst vergisst und ganz dem Körper überlässt. Es ist dieses „Flow“-Erlebnis, an das Regisseur Michael Hammon in seinem Dokumentarfilm „Gold – Du kannst mehr als du denkst“ mit den ersten Bildern anknüpft: Da sieht man das weite Meer, in dem eine Schwimmerin ihre Bahn zieht. Wer käme da auf die Idee, dass sie behindert wäre? Oder anders gefragt: Wie „behindert“ ist jemand, der so schwimmen kann? Der in Südafrika geborene Hammon, der vor mehr als 20 Jahren an der DFFB studierte, hat vor allem als Kameramann gearbeitet, was man seinem Film in positiver Weise ansieht. Er denkt in Bildern – und fordert das Denken des Zuschauers in Bildern heraus.

Die schöne Schwimmerin bekommt der Zuschauer bald als Kirsten Bruhn vorgestellt, zigfache Welt- und Europameisterin und dreifache Goldmedaillenträgerin – der Paralympics. Denn Kirsten Bruhn ist querschnittgelähmt. Außerhalb des Wassers muss sie sich im Rollstuhl bewegen. Den Kontrast des „assistierten“ Fortbewegens an Land und Kirstens kraftvollen Bewegungen im Wasser setzt Hammon immer wieder ein und hält so rein visuell eine wichtige Grundfrage dieses Filmprojekts offen: Was bedeutet das überhaupt, Körperbehinderung?

Im Englischen lässt sich dafür eine griffige Formel finden: „Disability is not the same as Inability“ – Behinderung ist nicht gleich Unfähigkeit. So bringt es der zweite Protagonist in „Gold“ auf den Punkt: der blinde kenianische Langstreckenläufer Henry Wanyoike, ebenfalls mehrfacher Medaillengewinner. Auch ihn führt der Film zunächst als gewandten Sportler ein – beim Lauf durch die Landschaft seiner Heimat. Allenfalls die Schnur, die ihn mit seinem Mitläufer verbindet, weist darauf hin, dass er auf Assistenz angewiesen sein könnte – beim Sehen, nicht beim Laufen.

Möglichst keine Hilfe zu brauchen, ist dagegen das Credo des dritten Olympioniken, den Hammon auf dem Weg zu den Paralympics 2012 in London begleitet. Der Australier Kurt Fearnley hat als Rennrollstuhlfahrer schon mehrfach Gold gewonnen. Im Unterschied zu den anderen ist er mit seiner Behinderung auf die Welt gekommen. Schon von klein auf musste er lernen, sich trotz seiner völlig verkrüppelten Beine zu bewegen. Der Film zeigt ihn in einer langen Sequenz beim Spaziergang, wo er wagemutig querfeldein robbt und kriecht.

Es sind solche Szenen, die die Stärke der Doku ausmachen. In anderer Hinsicht nämlich folgt „Gold“ allzu brav den Regeln des Fernsehfeatures, das immer, wenn man einem Protagonisten näher kommt, zum nächsten springt. Ebenso brav wird die Vorgeschichte erzählt, die in allen drei Fällen, Unfall, Krankheit, Geburtsfehler, als „tragisch“ geschildert wird. Nur Kirsten Bruhn erhält die Gelegenheit, ausführlicher von ihrem Trauma zu berichten. Ihre ehrlichen Bekenntnisse lassen nicht unberührt und bewahren den Film davor, in der süßlichen Inspirationsrethorik des Titels unterzugehen.

Auch das „Gold“ im Titel führt eigentlich in die Irre, denn die Paralympics in London 2012 spielen letztendlich im Film eine untergeordnete Rolle. Vielleicht zu sehr auf seine Protagonisten konzentriert, zeigt Hammon erst ganz am Schluss all die einarmigen Tischtennisspieler, beinlosen Volleyballer und auf „Blades“ sprintenden Läufer (ja, auch Oscar Pistorius ist dabei), die die Faszination der Spiele ausmachen. So als Gemeinschaft vorgeführt, erscheint die Frage nach den jeweiligen Vorgeschichten plötzlich nebensächlich.