Klassikkritik

Der virtuelle Pianostar Valentina Lisitsa einmal ganz livehaftig

Gar nicht so leicht, unter der Woche die Philharmonie zu füllen. Bei Valentina Lisitsa erstaunen die leeren Ränge aber doch.

Der YouTube-Klassikstar mit weltweit über 50 Millionen Klicks betritt einen Saal, der nicht einmal zur Hälfte besetzt ist. Sie lässt sich ihre Ernüchterung jedoch nicht anmerken. Sie strahlt jugendlich gelöst. Richtet nette Worte ans Publikum, um per Handzeichen über das Konzertprogramm abstimmen zu lassen. Zwei Menüs stehen zur Auswahl: zum einen das übervirtuose „Liszt Special“, zum anderen die gemischte „Classic“- Variante mit Schostakowitsch und Beethoven. Auf Vorder- und Rückseite des Programmhefts sind beide Recitals abgedruckt. Die Pianistin hat sichtlich Mühe beim Auszählen der Stimmen.

Letztlich macht Liszt das Rennen. Valentina Lisitsa beugt sich liebevoll in die Tasten des Bösendorfer-Flügels. Bereits im ersten Stück zelebriert sie hohe Anschlagskultur, aber auch eine ebenso makel- wie mühelose Technik. Ihre Spezialität: Töne bis ins Unendliche verklingen zu lassen. Die Zuhörer wagen gar nicht erst, zwischen den Stücken zu klatschen. Sie horchen den sehr persönlich gefärbten Interpretationen. Schuberts „Doppelgänger“. Die unerbittlichen Oktaven des „Erlkönigs“. Ein besonders tränentreibendes „Ständchen“. Nach der Pause schwächelt die Pianistin – Liszts h-Moll-Ballade wirkt stark parfümiert. Doch spätestens im krachenden „Totentanz“ bannt der Youtube- Star sein Publikum wieder. Großer Jubel und stehende Ovationen. Die Lisitsa dankt es mit drei Zugaben.