Kunstsache

Der Käfer und die Kamera

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Meine Freundin Emma hat tatsächlich eine Lupe in ihrer braunen Handtasche verstaut. Kann nie schaden, bei diversen Kunstgängen, sagt sie. Ein Kollege meinte, die Ausstellung von Ulrike Heise bei Klosterfelde könne nur mit Sehverstärkung richtig gedeutet werden. Der Mann hat nicht ganz unrecht.

Heise ist nämlich die Biologin unter den Künstlern, studiert hat sie allerdings Landschaftsökologie. Ihre Kunst besteht also aus verschiedenen Versuchsanordnungen, die sich mit (lebendigen) Strukturen beschäftigen. Dabei hat Heise, Jahrgang 1974, mit Atelier in Berlin, ein Faible für Mikroorganismen. Die filmt sie mit winzigen mikroskopischen Kameras, die etwa die Größe eines Stecknadelkopfes haben dürften. Da sehen wir einen „aufgebahrten“, sezierten Käfer, schmaler noch als die Fingerspitze des kleinen Fingers. Und an der Wand läuft eine riesige Videoaufnahme aus dem Inneren des Käferpräparats.

Je tiefer die Kamera in den Organismus eindringt, umso mehr farbige „Landschaften“ öffnen sich. Das sind Parasiten mit Eigenleben, durch das Zoomen entstehen unglaubliche Lichtreflexe und farbige Brechungen. Kurios, aber manchmal ähneln die bewegten Szenen einem hauchzarten Aquarell.

Diese Nahaufnahme von Ulrike Heise ist so spannend, weil wir einfach nicht richtig wissen, wo der Käfer aufhört und der Parasit beginnt. In Raum 2 hat die Künstlerin sich eine Schaufel Walderde genommen und diese nach der „Korngrößensiebung“ kategorisiert. Diese Häufchen verschiedener Bestandteile, von grob bis fein, präsentiert sie auf einem weißen Regal. Und siehe da: Das Ganze wirkt wie eine Aneinanderreihung kleiner skulpturaler Arbeiten.

„Reizarme Umgebung“ heißt die Schau, klingt ein wenig paradox, schließlich müssen wir bei Heise genau beobachten. Doch die Auflösung folgt in Gestalt der mächtigen begehbaren Installation „Box“, da kann der Besucher rein gehen, Tür zu und dicht. Nichts hören, nichts sehen. Hier hat die Kunstanalyse ihr definitives Ende. (Potsdamer Str. 93. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 13. April)

Ein paar Ecken weiter sind wir bei Douglas Gordon. Erst im letzten Jahr bekam er den Kollwitz-Preis der Akademie der Künste, Anfang der 90er-Jahre wurde er schlagartig bekannt durch seine eigenwillige Videoinstallation „24 Hour Psycho“, eine durch Verlangsamung auf einen ganzen Tag ausgedehnte Version von Hitchcocks Gruselschocker.

1996 erhielt er die ultimative Kunstauszeichnung, den britischen Turner-Preis, und seit fünf, sechs Jahren lebt der schottische Medienkünstler nun in der Hauptstadt. Schön, einmal wieder große Arbeiten von ihm zu sehen, die museale Wirkungsmacht haben. Das liegt freilich auch am tollen Ausstellungsort, Blain/Southerns als großzügiges Domizil ist die ehemalige Druckerei des Tagesspiegel. Die Decken dieser Gebäude sind bekanntlich sehr hoch, und über 1300 Quadratmeter kann man als Künstler wirklich nicht klagen, nur scheitern. Allerdings nicht Gordon, dessen monumentale Filme und Videoinstallationen authentischer wohl nirgends wirken könnten. Was Gordon hier zeigt, ist eine wunderbare Hommage an Marrakesch. Ein Land am Rande Europas, das er seit 2008 einige Male bereiste.

Der Muezzin ruft in „Full Circle“, ein fast romantisches Stadtpanorama in der Dämmerung. Es gibt Schlangenbeschwörer und Messerschleifer in der Kashba in Tanger, der Zauber des Orients liegt über allem. Die Farben der Filme sind teilweise so gesättigt, dass Emma meint, die Bögen und Steinmosaiken anfassen zu können. Gordon ist für seine Methode der Dekonstruktion bekannt: hier aber erzählt er einem Bilderbuch gleich, auch wenn er nahe an der Grenze zur Dokumentation bleibt. Ein Kunstkniff ist dennoch auszumachen. Der Messerschleifer aber wird nicht verraten! (Potsdamer Str. 77-87. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 28. April)

Jeden Sonntag schreibt Gabriela Walde, Kunstkritikerin der Berliner Morgenpost, über Berlins Galerien