Klassikkritik

Janowskis konzertanter „Siegfried“ wird zur Bravourleistung

Man sollte Werke, an denen man arbeitet, nicht zu lange halbfertig liegen lassen.

Genau das passierte Richard Wagner mit „Siegfried“. 1856 als Schmunzelstück begonnen, kam ihm der „Tristan“ in die Quere und trieb dem frohgemut begonnenen „Siegfried“ alle Unternehmungslust aus. Ihre letzten Takte im 2.Akt gehören dem Waldvogel, der sie mit der Stimme von Sophie Klußmann bezaubernd von der Orgel-Empore der Philharmonie herabsingt. Danach spendiert Marek Janowski mit seinem Berliner Rundfunk-Sinfonieorchester dem hingerissenen Publikum wieder ernsthafteste Wagnersche Hochdramatik. Nach jedem Akt schreien sich die Zuhörer ihre Bewunderung aus den Lungen. Die konzertante Aufführung inmitten des Wagner-Zyklus wächst sich zur musikalischen Meisterleistung einer Interpreten-Elite aus.

Allein wie das Orchester seine Trümpfe serviert, ist unerhört. Vom Konzertmeister bis zum Solo-Hornisten David Émber spielten alle nicht einzig im selben Takt, sondern im gleichen Geiste. Janowski drückte zeitweilig etwas zu nachdrücklich auf die Tube. Aber die singenden Solisten hielten seiner Herausforderung nicht nur stand, mehr noch: sie gaben ihr recht. Allerdings hat man auch kaum je eine „Siegfried“-Aufführung von vergleichbarer vokaler Vorzüglichkeit zu hören bekommen. Vielleicht liegt das an Robin Engelen, den das Programmheft am Ende seiner Besetzungsliste als „musikalischen Assistenten“ benennt. Ist er der Mann, der den Überblick über die weltweit besten Wagner-Sänger besitzt?