Konzert

Als Kool & The Gang die Bühne betreten, ist das Publikum weg

„Die ultimative Chartshow“ in der Max-Schmeling-Halle

Da steht eine legendäre Figur der Popgeschichte in Berlin auf der Bühne und macht gute Miene zum bösen Spiel. „Ich höre nichts“, sagt Gitarrist Nile Rodgers immer wieder und deutet auf die Monitorlautsprecher vor sich. Es ist weit nach 20 Uhr. Das Publikum in der gut zur Hälfte gefüllten Max-Schmeling-Halle ist bereits da. Das Konzert sollte längst begonnen haben. Doch noch immer ist Soundcheck. Und so etwas kann ziemlich langweilig werden. Das weiß auch der inzwischen 60-jährige Nile Rodgers, Anführer der legendären 70er-Jahre-Band Chic, die als eine von fünf Gruppen an diesem Abend dem Disco-Funk-Sound der Siebziger huldigen wollen.

Nun klingt ein Konzertabend mit dem sperrigen Titel „RTL – Die ultimative Chartshow – Live on Stage“ zunächst einmal wie eine Drohung. Aber weder sind Oliver Geißen noch ein Sofa samt B-Promis auf der Bühne. Dafür werden fünf gestandene Namen angekündigt, die in den 70er-Jahren die Pop-Welt für kurze Zeit aus den Angeln gehoben haben und den Grundstein legten für vieles, was immer noch über die Dancefloors fegt: Chic, The Earth, Wind and Fire Experience, Sister Sledge, Imagination und Kool & The Gang in einem Programm. Das gibt zumindest Hoffnung, dass es sich hier nicht um eine der üblichen Oldies-Shows handelt. Zunächst.

Musik für die Disco-Glitzerwelt

Inzwischen ist es 20.30 Uhr. Nile Rodgers und seine Truppe haben die Bühne verlassen, um sich noch schnell für ihren Auftritt umzuziehen. Dann endlich kann es zehn Minuten später losgehen. Dass der Höhepunkt des Abends gleich zu Beginn zu erleben ist, wird freilich erst später klar werden. Gemeinsam mit seinem Partner, dem 1996 gestorbenen Bassisten Bernard Edwards, war Nile Rodgers einer der wichtigsten, trendsetzenden Musiker, Komponisten und Produzenten der 70er- und 80er-Jahre. Mit Chic gründeten sie eine richtungweisende Band, die den mondänen Soundtrack für die Nightclub-Boheme und Disco-Glitzerwelt lieferte. Und landeten jede Menge Hits, allen voran das grandiose Funk-Stück „Le Freak“. Und sie wurden zu Hitlieferanten und Albumproduzenten für so unterschiedliche Stars wie Madonna, Diana Ross, Debbie Harry, Madonna, Duran Duran, Grace Jones, Aretha Franklin oder David Bowie. Die Liste ist lang. Mit „My Forbidden Lover“ eröffnen Chic die Show. Und noch immer kann dieser pulsierende, funkgetriebene Sound überzeugen. Zwei Bläser, zwei Sängerinnen, zwei Keyboarder und ein maBass-Schlagzeug-Gespann treiben den Groove in immer neue Höhen, veredelt durch die filigranen Funkakkorde, die Nile Rodgers scheinbar mühelos aus seiner Gitarre holt. Der Sound ist schlecht. Nile Rodgers versucht immer noch, das Beste daraus zu machen. Natürlich gibt es auch „Good Times“, später „Let’s Dance“, „Upside Down“ und „Le Freak“. Der Saal tobt. „Mein Name ist Nile Rodgers“, sagt der Bandleader zum Abschied.

Danach geht es bergab

Die zweite Band des Abends sind natürlich nicht Earth, Wind & Fire, die nach wie vor aktiv sind. Sie nennt sich „The Earth, Wind and Fire Experience“. Dahinter verbirgt sich die Big Band eines ehemaligen Gitarristen der Gruppe, der nun mit seinen Al MacKay Allstars die Hits von Earth, Wind & Fire nachspielt. Und gediegene Unterhaltung zwischen Kreuzfahrtschiff-Gala und Las-Vegas-Show liefert. Inzwischen ist auch der Sound miserabel geworden. Die Gesangsschwestern Sister Sledge im Anschluss kommen nicht über biederes Oldie-Show-Format hinaus, haben aber immerhin Erfolge wie „He’s The Greatest Dancer“ oder „We Are Family“ aufzuweisen. Und auch das britische Disco-Projekt Imagination, das mit „Just An Illusion“ einmal einen Welthit gelandet hat, kann mit seiner Halbplayback-Auftritt wenig punkten.

Wer dann bis kurz vor Mitternacht durchgehalten hat – die Halle hat sich inzwischen sichtbar geleert – der bekam mit Kool & The Gang dann doch noch einmal bestes, energiesprühendes Funk-Entertainment geboten. Plötzlich hat sich auch der Sound erheblich verbessert. Kantig-zackige Bläsersätze schneiden sich durch die Halle, diese Zehn-Mann-Band weiß, wie man ein Publikum euphorisiert. „I Can’t Get Enough Of That Funky Stuff“ lautet ihre Botschaft und Klassiker wie „She’s Hot”, „Emergency”, „Lady’s Night”, „Get Down On It” oder „Celebrate” bringen bis kurz vor ein Uhr nachts noch einmal Bewegung ins Auditorium. Nahezu fünf lange Stunden mit viel zu langen Pausen, schlechtem Sound, technisch-organisatorischer Hilflosigkeit und einem Ansager, der besser unerwähnt bleibt, sind dann aber doch zu viele Zumutungen für einen gelungenen Konzertabend.