Geitels Geschichten

Der bescheidene Pianist

Eduard Erdmann war aus Lettland gekommen

Sein Namenszug ist der bescheidenste in meinem alten Autogrammbuch. Im Grunde ist es kein Wunder, denn einen Mangel an höchstqualifizierten Pianisten gab es noch nie. Diesmal ist die Rede von Eduard Erdmann, Jahrgang 1896, der übrigens ein Großneffe des Philosophen Johann Eduard Erdmann war. Ich hörte den Pianisten in Berlin im einem philharmonischen Konzert in der alten Philharmonie unter Wilhelm Furtwänglers Leitung am 14. Oktober 1940 ohne jeden Anflug von Popularität suchender Ranschmeißerei das viel geliebte 1. Klavierkonzert von Chopin spielen. In meiner Erinnerung interpretierte er es ohne jeden Anflug von auftrumpfendem Größenwahn, von pianistischer Wichtigtuerei.

Erdmann ging nicht sich selbst auf den Grund, sondern einzig der Musik, die er auf unvergessliche Weise vortrug. Das war natürlich auch einigen seiner Kollegen (und gerade den bedeutendsten unter ihnen) aufgefallen, und sie hatten es sich nicht versagt, über ihren Respekt vor Erdmann zu sprechen. Der eine war Artur Schnabel, ein anderer Claudio Arrau, der nicht müde wurde, auf Erdmanns Außerordentlichkeit hinzuweisen, die auch bei mir auf Anhieb gezündet hatte.

Ich stürzte mich sofort nach seinem Auftritt ins Künstlerzimmer, ihn zur Erinnerung an seine Einzigartigkeit um seinen Namenszug zu bitten. Ich hatte keine Ahnung, dass Artur Schnabel, der Emigrant, längst schon lauthals Erdmanns Kunstfertigkeit gerühmt und ihn schlankweg einen „Mann von großem Genie“ genannt hatte. Er wusste warum: Erdmann hatte 1925, unbeirrt von böswilligen Zwischenrufen, eine von Schnabels Klaviersonaten beim Festival zeitgenössischer Musik in Venedig gespielt. Auch Erdmann selbst hatte sich zeitweilig, gemeinsam mit Ernst Krenek als Jung-Komponist hervorgetan, allerdings ohne nachhaltigen Erfolg. Der kam ihm am Ende auch als Pianist abhanden.

Dabei hatte Claudio Arrau in seinen Lebenserinnerungen noch das Hohe Lied auf Erdmann gesungen. Er hatte ihn als Klavierkünstler selbst über Gieseking gestellt. Als Musiker bewunderte Arrau Erdmann viel stärker. Dafür gab es freilich von Anfang nachhaltig Grund: schon als erst Achtzehnjähriger hatte Erdmann in der anspruchsvollen Berliner Öffentlichkeit das Klavierkonzert von Ferruccio Busoni vorgetragen, das er sich, ohne jede Hilfe von Außen, in seiner fünfsätzigen Unendlichkeit selbst eingetrichtert hatte. An Mut und Unternehmungslust mangelte es ihm demnach nachweislich nicht.

Erdmann hatte zur Eröffnung der Bauhauskonzerte in Dessau gespielt. Ab 1925 unterrichtete er Klavier an der Kölner Musikhochschule. Aus Protest gegen die Repressalien der Nazis gegen jüdische Kollegen war er 1935 zurückgetreten. Über seine Werke wurde ein Aufführungsverbot verhängt. Später war er wieder als Pianist unterwegs. Erdmann war verheiratet und hatte vier Kinder. Seine Tochter Jolanthe wurde Frau des expressionistischen Malers Emil Nolde. Ab 1950 unterrichtete Erdmann in Hamburg, wo er acht Jahre später auch verstarb.

Nach Berlin war Erdmann 1914 zum Studium gekommen. Er war Deutschland aus Lettland zugewandert, wie heutzutage noch viele junge Musiker von Weltruf, beginnend mit Mariss Jansons, dem Herrn über das Königliche Concertgebouw-Orchester in Amsterdam, und inzwischen gefolgt von Andris Nelsons, der sich bereits erfolgreich als Dirigent selbst Bayreuth unterworfen hat.

In diese Kategorie rangierte an seinem Klavier auch Eduard Erdmann, der sich wohl auch mit Fug und Recht zu Busoni bekannte. Ich selbst habe Busoni, den großen Mann und Musiker ja nicht mehr spielen gehört, ich bin nur regelmäßig an seinem einstigen Berliner Wohnsitz am Sophie-Charlotte-Platz vorbeigegangen und habe respektvoll zu der ihm gewidmeten Gedenktafel hinaufgeschaut. Ohne Zweifel hätte auch Eduard Erdmann eine solche verdient. Mein kleines Autogrammbuch kann dagegen natürlich nicht an.