Ausstellung

Was ist schon Wirklichkeit?

K. H. Hödicke hat Spaß daran, in die Irre zu führen. Seine Werke sind nun in der Berlinischen Galerie ausgestellt

Vor 40 Jahren breitete sich die Wüste Gobi noch mitten in Berlin aus. Jedenfalls kam dem Maler K. H. Hödicke das, was er aus dem Fenster seines Ateliers an der Dessauer Straße sah, so vor. Dort, wo die Bezirke Kreuzberg und Tiergarten unweit des Potsdamer Platzes auf die Hauptstadt der DDR stießen, war kaum mehr als eine öde Leere, aus der sich beidseits der Mauer nur einige Häuser emporreckten. Etwa der Martin-Gropius-Bau, der 1976 noch eine Kriegsruine war, oder der Preußische Landtag, auf dessen Dach Volkspolizisten postiert waren, denn zwischen den beiden benachbarten Gebäuden verlief die Grenze. Hödicke malte die Stadtlandschaft als rostbraune Nachtszenerie unter dem blinkenden Auge des Fernsehturms.

In der Ausstellung, die ihm die Berlinische Galerie nun ausrichtet, nehmen die Architekturbilder fast zwei Räume ein. Die figurative Darstellung der Stadt war für den Künstler aber weniger politisches Ausdrucksmittel als Gegenstand der Malerei an sich. Im Triptychon „Potsdamer Platz III“ bildet die goldene Statue der Viktoria auf der Siegessäule den urbanen Ankerpunkt. Die drei Bilder eint außerdem ein intensiv strahlendes Rot. Hödicke warnt allerdings davor, es zu überinterpretieren. „Bilder in den Dienst irgendwelcher Ideologien zu stellen, liegt mir nicht“, sagt er und schmunzelt. „Die rote Farbe kommt vom Linoleumfußboden in meinem Atelier.“

Falsche Fährten

Hödicke blickt mit Nostalgie, mancher Verblüffung über die eigenen Arbeiten und viel Humor auf die Ausstellung. Drei Werke aus der fünfteiligen Reihe der „Passagen“-Bilder von 1964 mit Straßenszenen und diversen Spiegelungen, sieht auch er selbst erstmals seit langem wieder nebeneinander vereint. Damals mögen ihn wohl räumliche Fragen bewogen haben, sie zu malen, vermutet er. Damit wird deutlich, dass seine Herangehensweise an die Malerei schon immer formaler und theoretischer war, als man denkt, wenn man versucht, die Motive zu entschlüsseln. Deren Gegenständlichkeit lockt nämlich allzu leicht auf falsche Fährten.

Hödicke hatte von 1959 bis 1964 an der Hochschule der Künste in Berlin studiert. Sein Lehrer war Fred Thieler, damals einer der wichtigsten Vertreter des Tachismus und Informel, also einer gestischen und rein abstrakten Malerei. Für einen jungen Künstler bedeutete die Abwendung von der – in den Fünfziger Jahren an den Akademien üblichen – Abstraktion zur Figuration den größtmöglichen Affront. Hödicke verschmilzt in seinen frühen Arbeiten die impulsive Gestik des Farbauftrags mit einer Rückbesinnung auf den figurativen Expressionismus etwa des späten Max Beckmann. Gleichzeitig war Hödicke aber immer auf der Höhe der Zeit. In den Sechzigern entwickelte er eine experimentelle Version der Pop Art, in den Siebzigern arbeitete er konzeptueller, ließ sich vom Fotorealismus inspirieren, entdeckte aber auch die Radikalität von Marcel Duchamp wieder.

Die Auseinandersetzung mit der Malerei und des Bildermachens an sich stand dabei immer im Vordergrund. Das äußerst exakt betitelte „Bild – geteert – gefedert“ von 1968 ist ein Schlüsselwerk Hödickes: „In einer Zeit als man dem Bild den Garaus machen wollte, musste ich es erst recht durch diese finstere Tiefe schicken“, erklärt er die mit Bitumen und Daunen überzogene Leinwand. Die Hierarchieunterschiede zwischen Gegenständlichkeit und Ungegenständlichkeit wollte er ausgleichen, Abstraktion und Figuration miteinander versöhnen. „Jäger und Gejagte im deutschen Wald“ wird da zum bildnerischen Manifest. Die vier Tafeln zeigen auf den ersten Blick ein so dekoratives wie kriegerisches Camouflagemuster, erst auf den zweiten enthüllen sie die Umrisse menschlicher Figuren.

In der Ausstellung, die keine Retrospektive ist, aber seit zwanzig Jahren endlich wieder einmal einen Überblick über das Schaffen Hödickes bietet, versammeln sich Gemälde, Skulpturen und Installationen des Künstlers. Die Berlinische Galerie ist stolz, eine der größten Sammlungen Hödickes zu besitzen, die Schau wird noch ergänzt durch Leihgaben anderer Museen. Sehenswert ist aber auch sein filmisches Werk. Einem großformatigen Gemälde ist etwa ein Flachbildschirm zur Seite gestellt auf dem der Film „Rot ist gelb ist grün ist blau ist rot“ läuft. Das Bild zeigt die knallfarbige Darstellung eines typischen Berliner Kopfsteinpflasters. Im Film in Stop-Motion-Technik wird gezeigt, wie das Bild entstand und sich während dieses Prozesses immer wieder veränderte. Das Pflaster lag mal im Dunkeln, mal spiegelten sich Lichter darin, dann wurde es von Wasser überschwemmt, trocknete wieder, reflektierte die Farben einer Ampelschaltung oder wurde von einem Krokodil überquert. Ein kleiner Film über die Malerei und ein Gemälde, in dem alle Bilder dieses Films in Schichten übereinander verborgen liegen.

Der 1938 in Nürnberg geborene Karl Horst Hödicke ist der Stadt Berlin nicht nur als Künstler verbunden, sondern auch als Lehrer. Bereits 1974 wurde er an den Lehrstuhl für Malerei der damaligen Hochschule der Künste berufen. Anlässlich seiner anstehenden Emeritierung richteten seine Meisterschüler ihm 2005 eine Ausstellung aus, die einen treffenden Namen trug: „Touché“. Denn auch Hödicke wollte mit seiner Kunst immer wieder Treffer landen, den Betrachter so unerwartet erwischen wie der Fechter mit einem blitzartigen Hieb. Sein Spaß, in die Irre zu führen und das Bild von der Wirklichkeit immer wieder auf den Kopf zu stellen, hat ihn wohl auch zu einem guten Lehrer gemacht, der seine Schüler zu ermuntern wusste, einen individuellen, authentischen Weg einzuschlagen.

Dieser unkonventionelle Freigeist als Künstler wie als Professor befruchtete in den Achtziger Jahren einige Hödicke-Schüler sogar zur Formierung einer Gruppe, die den visuellen Zeitgeist West-Berlins über viele Jahre prägte – die „Neuen Wilden“. Künstler wie Helmut Middendorf oder Salomé, die er ausgebildet hatte, propagierten mit Kommilitonen wie Rainer Fetting oder Elvira Bach eine heftige Malerei, deren expressive Direktheit Hödicke während der Sechziger und Siebziger Jahre bereits vorformuliert hatte.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, Kreuzberg. Bis 27. Mai, Eröffnung am 21. Februar, 19 Uhr.