Klassik-Kritik

Staatsballett zeigt die große Vergangenheit des russischen Tanzes

„Wie klingt Russland?“ fragt sich das Konzerthaus zur Zeit mit einer Serie von Konzerten. „Wie tanzt Russland?“ hat man nun schleunigst hinzuerfunden und segelt damit 75 pausenlose Minuten lang in den Erfolg.

Kein Wunder: man beschränkt sich auf die Pariser Ära Diaghilews. Von Ballettrevolution keine Spur, man warf sich der tänzerischen Schönheit immer erneut in die Arme. So gewann sich das Ballett auch jenseits der russischen Grenzen sein Publikum. Wie das gelang, davon spricht ausführlich, wenn auch weitgehend unverständlich Vladimir Malakhov, der bald scheidende Intendant des Staatsballetts Berlin, als Moderator. Ihm steht eine reizende Dolmetscherin hilfreich zur Seite. Nur wie das Mikrophon zu halten ist, hat sie offenbar keiner gelehrt. Ein einziger Satz nur unter den Hunderten flammt verständlich bis zum Rang hinauf.

Glücklicherweise tut das der Schönheit der Vorstellung keinen Abbruch. Das Deutsche Filmorchester Babelsberg unter Leitung des tüchtigen, unaufdringlichen Robert Reimer liefert auf noble Art die Musik, die sich in den ersten fünf Jahren Diaghilews noch auf die Herkömmlichkeit der Überlieferung stützte. Glasunov, Rimski-Korssakov, Saint-Saens waren ihre Hauptlieferanten. Erst mit der Heraufkunft Nijinskys als Choreograph reformierte sich das musikalische wie optische Bild. Vladislav Marinov nahm sich seiner als „Faun“ in Nijinskys (und Debussys) „Nachmittag eines Fauns“ vorzüglich an. Er erwies sich als Belcantist mit den Beinen.

Aber auch sonst wurde ausgezeichnet getanzt. Allerdings war es nicht gerade höflich, der ausgezeichneten Beatrice Knop in den Glanzmomenten des „Sterbenden Schwans“ ausgerechnet eine filmische Aufzeichnung des Stückes von Anna Pawlowa vorauszuschicken. So sehenswert das alte Dokument auch war, es half der Bewunderung für die Knop nicht gerade zusätzlich auf die Beine. Doch alles in allem gab die Gala einen liebenswürdigen, dankenswerten Überblick über das tänzerisch große Gestern.