Inszenierung

„Bachs Musik ist ein Gottesbeweis“

Christoph Hagel inszeniert die Johannes-Passion im Berliner Dom. Er hadert mit dem Ende

Christoph Hagel wirkt diesmal merkwürdig nachdenklich, zurückhaltend. Eigentlich ist der Dirigent, der seit einigen Jahren auch sein eigener Regisseur ist, ein stadtbekannter Eventkünstler, der nie ums große Wort verlegen ist, wenn es darum geht, seine waghalsigen Unternehmungen zu erklären. Und was hat Hagel nicht schon für wunderbar eigensinnige Opernproduktionen in der Stadt gemacht: Mit Katharina Thalbach brachte er Mozarts „Don Giovanni“ ins damals angesagte E-Werk, mit Altregisseur George Tabori „Die Zauberflöte“ in ein Zirkuszelt, später verlegte er die Oper in die U-Bahnstation „Bundestag“, einen Geisterbahnhof. Es waren irgendwie immer auch Opernhappenings, die das großstädtische, sexuell freizügige Flanierpublikum so liebt. Aber jetzt fischt Hagel im tief Religiösen. Und er weiß, dass er sich mit seiner szenischen Johannes-Passion im Berliner Dom an ein anderes Publikum wendet, das ihm nicht alles abnehmen und verzeihen wird. Es ist schließlich die große Osterproduktion in Berlin. Nach der heutigen Premiere wird Hagels Johannes-Passion bis einschließlich Karfreitag 20 Mal gezeigt. Beteiligt sind die Berliner Symphoniker, ein Chor, Solisten, Tänzer und mehrere Kinder - insgesamt 70 Mitwirkende. Es ist ein großes religiöses Theater.

Seine zweite Bach-Produktion

Aber ganz kann Hagel den Provokateur nicht ablegen. Schon im Vorfeld schickt er folgende Losung mit auf den Weg: „Ob Gott Jesus in die Welt gesandt hat, ist schwer zu sagen. Aber Bach ganz bestimmt!“ Dass mit der überschwänglichen Bach-Bewunderung kommt nicht von ungefähr. „Diese Choräle. Das sitzt. Das ist heftig. Bachs Musik ist ein Gottesbeweis“, schwärmt er. Es ist jetzt seine zweite Bach-Produktion. Zuvor hat er mit „Flying Bach“ mutig die Grenzen zwischen Hochkultur und Jugendkultur verwischt. Mit seinen Breakdancern ist er seither viel unterwegs, so auch in Leipzig. Dort hat er mit den Kids die Thomaskirche besucht, wo Johann Sebastian Bach als Thomaskantor wirkte. „Anstelle des Altars ist dort Bachs Grab“, sagt Hagel. Das hält er für eine tolle Symbolik. Seine Cembalistin dagegen findet das grauenhaft. Sie sei eine „Radikalreligiöse“, sagt er kopfschüttelnd. Dabei ist Hagel, der 1959 in Biberach an der Riß geboren wurde, viel Bibelfester als er zugeben möchte. Gerade der Evangelist Johannes habe ihn als Jugendlichen interessiert, weil der so radikal war. Irgendwann vor der Probe, während wir durch den Dom gehen, erzählt Hagel ganz beiläufig, irgendeiner seiner Verwandten sei Erzbischof in Südafrika gewesen.

„Eigentlich war mir klar, dass ich nichts Blasphemisches vorhabe“, versichert Hagel. Auch wenn sich Kirche und Theater sehr ähnlich sind. Messen und Opern seien ganz ähnlich gebaut, sagt Hagel. Dass Tänzer mit nacktem Oberkörper auftreten, daran störe sich heute kein Mensch mehr. Auch seine Idee mit der Erde wurde seitens der Dom-Gemeinde schnell genehmigt. Vorm Altarraum werden 5 Tonnen schwarzer Sand aufgeschüttet sein. Darauf werden die letzten Tage im Leben Christi geschildert und in Arien und Chören reflektiert. „Der Sand steht gegen die Wilhelminische Herrschaftsarchitektur“, erklärt Hagel sein Bühnenbild: „Jesus hat die Pyramide auf den Kopf gestellt. Der Gequälteste, Gedemütigste wird zum König. Das war das Neue. Später waren es wieder nur Könige, die sich solche Dome errichten ließen.“ Er platziert Golgatha gegen den deutschen Wilhelminismus.

Die Kreuzigung ist ein Gründungsmythos der westlichen Zivilisation, sagt er: „Es war eine dreckige Geschichte, sie ist im Dreck passiert. Darauf basierend hat sich die Religion durchgesetzt, später die Wissenschaft, schließlich die französische Revolution und die Vernunft. Heute haben wir Laptops und Straßenbahnen. Und den Sozialstaat. Und alles fußt auf dieser elementar archaischen Erde.“

Eine Kreuzigung wird es bei Hagel offenbar nicht geben. Er habe ein anderes Modell dafür gefunden, wie Jesus stirbt. Es sei auch eine Inszenierung für Ungläubige. „Ob Jesus Gottes Sohn war, weiß ich nicht. Ob Jesus auferstanden ist, weiß ich nicht. Er wurde ans Kreuz genagelt und verblutete. Wie Tausend andere auch“, sagt Hagel: „Die Grausamkeiten passieren auf andere Weise bis heute. Es bleibt ungeheuerlich. Ob aus Glauben oder kultureller Identität, wir deklinieren es am Beispiel Jesu Christi durch.“ Durch ihn gab es neue Ideen in einer Welt voller Gewalt. Viel mehr will er dazu nicht sagen. „Das klingt mir sonst zu sozialdemokratisch“, sagt er. Hagel hält die Johannes-Passion, die 1724 in der Leipziger Nikolaikirche uraufgeführt wurde, für eine Art Bewältigungsliteratur, etwas, was heutzutage die Therapeuten erfüllen. Die Message des Stücks ist das Mitgefühl, das Mitleiden.

Mehrere Varianten im Kopf

Und mit der Message hat der Regisseur sein größtes Problem. Am Ende geht es um Hoffnung, Trost und das Weiterleben im Wissen. Wie inszeniert man das in einem Dom? Hagel erinnert an den großen alten Tabori. „Der sagte, er macht den Anfang und den Schluss. Der Rest interessiere ihn nicht.“ Während der Proben zur „Zauberflöte“ im Zirkuszelt setzte sich Tabori auf einen Stuhl und wartete einfach ab. Irgendetwas werde passieren, sagte er. „Einer der Sänger hat danach den Beruf aufgegeben, weil er das nicht ausgehalten hat. Den habe ich später im Fernsehen in einer Verkaufsshow wieder entdeckt“, erinnert sich Hagel. Die Roncalli-Leute haben Tabori alle möglichen Tiere gebracht, aber die wollte er auch nicht haben. Irgendwie muss Hagel jetzt wohl die Sorge haben, dass er in den Proben ähnlich merkwürdig und verschleißend rüber kommt. „Meine visuellen Schlussvisionen haben alle nicht funktioniert. Das ist bedrückend“, sagt er.

Es waren verschiedene Varianten: Kinder, die Sandburgen bauen. Oder eine Erlösung von oben. Die totale Brechung will Hagel eigentlich nicht, denn dazu sei Bachs Musik einfach zu stark. Heute wird es eine Variante zu sehen geben, und eines ist sicher: Der Regisseur hat lange mit dem Ende seiner Johannes-Passion gehadert. Es bleibt eine Glaubensfrage.

Berliner Dom, Mitte. Johannes-Passion vom 21. Februar (Premiere) bis 29. März. Tel. 01805 3953