Yoko Ono

Schreien, Gurren, Singen

Von heiter bis sentimental: Yoko Ono feiert in der Berliner Volksbühne ihren 80. Geburtstag mit viel Blinklichtern und Standing Ovations

Dieses Schreien, Wimmern und Gurren von Yoko Ono auf der Bühne ist gewöhnungsbedürftig: „Huhuhuuuuu! Iiiiiiiiaaaaaaaaah! Ouiouioui!“ Aber wenn Yoko Ono so schreit, erklärt sie später, dann sei das, wie ein Gang durch einen Tunnel. „Dieser Tunnel kann gewunden sein und sehr lang“, sagt sie, „aber es gibt auf jeden Fall Licht an seinem Ende.“ Es sei wichtig, dass man zusammenbleibe auf diesem Weg – denn: „Ich nehme Euch mit, okay?“

Spätestens in diesem Moment wird klar, dass dieser Abend vor Yoko Onos 80. Geburtstag in der Volksbühne in die 120-jährige Geschichte des Hauses eingehen wird. Es ist wie die großen Abende von Theater-Regisseuren und sämtliche Experimental-Kettensägen-Trommel-Avantgarde-Kunst auf einmal. In der ausverkauften Volksbühne schafft Yoko Ono nicht nur, ihr Publikum zu langen Standing Ovations zu motivieren, ihren vor 33 Jahren gestorbenen Mann zu würdigen, ihren Sohn zum Teil in den Mittelpunkt zu stellen, sondern auch, selbst Spaß dabei zu haben.

Abend mit Taschenlampe

Dabei begann alles sehr zurückhaltend: Am Eingang bekommt jeder Zuschauer eine Mini-Taschenlampe gereicht und kann in dem sich langsam füllenden Saal ein Werk der Künstlerin des Abends auf Großleinwand sehen, das Werk „Fly“ aus dem Jahr 1971 zeigt Fliegen, die den nackten Körper einer Frau erforschen. Danach wird in einem 15-minütigen Video das Leben Yoko Onos zusammengefasst: Kinderbilder, erste Auftritte als Künstlerin, die Liebe zu John Lennon, die Geburt des Sohnes Sean und schließlich auch der Tod John Lennons am 8. Dezember 1980 und ihre Zeit als berühmte Witwe danach. Doch als die Vorband auf japanisch zu treibenden Elektro-Beats „Hahaha – Chichichi – Yeah Yoko Ono“ singen, wird klar, dass es kein trauriger Abend sein wird.

Als Yoko Ono zusammen mit ihrer Band die Bühne betritt, trägt sie Sonnenbrille, schwarze Hose, schwarze Bluse und ihren schwarze Hut, aber auch ein breites Lächeln. Noch bevor sie alle begrüßt, singt sie ihr erstes Stück „It happened“ von ihrem Album von ihrem fünften Solo-Album „The Story“. Die Beats sind so laut, dass man beinahe Angst um die kleine, zierliche Frau hat, aber dann reißt sie ihre Arme nach oben und tänzelt im Takt von der jungen, schlanken Bassistin im Abendkleid zum Gitarristen, um ihm etwas zuzuflüstern.

Diese Gitarrist ist ihr Sohn Sean und der – man muss es sagen – kümmert sich rührend um seine Mutter an diesem Abend. Er gibt ihr Einsätze, flüstert ihr das nächste Lied zu, erinnert sie daran, was sie dem Publikum noch erzählen wollte: „Weißt du noch, Mutter, als du mich aus einem Berliner Hotel angerufen hast und meintest, du habest schon mal in einem früheren Leben hier gewohnt?“ Es war also Sean Lennon, der wegen solcher Geschichten beschlossen hatte, diesen Abend vor ihrem 80. Geburtstag in Berlin zu organisieren. „Yoko hat mir als Kind immer Kurt Weill vorgespielt“, sagt er, „und deswegen wollte sie gern in der Stadt feiern, die für das deutsche Liedgut so wichtig ist.“ Sean Lennon hat auch Freunde eingeladen, die erste ist die Sängerin Peaches, die in einem schrillen hautengen Hosenanzug auf die Bühne gestolpert kommt – etwas anderes lassen die Schuhe auch nicht zu – und mit Yoko Ono gemeinsam „Yes, I'm a Witch“ von 1974 singt. Wie auch die anderen Songs ist dieser stark modernisiert und mit Funk- und Rock-Beats unterlegt, die durchaus auch PJ Harvey untermalen könnten. Es ist nicht das Schreien, Gurren und Wimmern, es sind auch nicht allein die Texte („Ihr habt in mir die Schuldige gesehen!“), sondern es ist dieses wilde Herumtanzen, während sie all diese Töne hervorbringt, diese Freude, dass es noch geht. Wen interessiert schon, ob jemand Texte auswendig kann, wenn er noch große Pläne hat: „Wir kriegen das hin, mit diesem schönen Planeten – wir schaffen das!“ Nach rund einer Stunde mit älteren, fast historischen Liedern und gerade erst vor einer Woche komponierten Songs, ruft Yoko Ono ein langgezogenes: „Imagiiiiiiiine Peace“ in den Raum.

Das ist der Beginn der Standing Ovations, die zunächst von einem traurigen Song auf Japanisch unterbrochen werden, den sie nach dem Unglück in Fukushima komponiert hat: „Die Sonne geht auf.“ Ihr Sohn Sean begleitet sie am Klavier und plötzlich wirkt sie doch sehr verletzlich. Sie beendet das Lied mit dem englischen Satz: „Und ich bin noch hier.“ Dann beginnt das Fest. Die zweite Zugabe wird von den Zuschauern mit den ausgeteilten Taschenlampen eingefordert. Dann kommen noch mehr Freunde auf die Bühne: R.E.M.-Sänger Michael Stipe, Martha und Rufus Wainwright, Peaches und Sean Lennon singen gemeinsam „Happy Birthday“. Dann singen alle im Saal gemeinsam: „All we are saying is give peace a chance.“ Das geht so lange, bis das Publikum endlich Yoko Onos Blinkbotschaft am Ende des Tunnels verstanden hat. Sie macht es noch ein letztes Mal vor. Einmal blinken: Ich. Zweimal blinken: liebe. Dreimal blinken: Dich.