Kunstsache

Absturz ins Paradies

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Emma steigt die Treppe hoch, schaut durch die Tür und schnauft nur ein einziges Wort: „Wow“. Was sie damit meint, ist die in Quietschorange gehaltene Galeriewand, rosarot die andere, und die hintere von einem seltsam zitroneleuchtenden Grün, für das man irgendwie keine genau Bezeichnung finden kann. Nicht einmal die Säulen sind ausgespart. An diesen farbigen Wänden also hängen die zum Teil noch feuchten, großformatigen Bilder von Norbert Bisky. Und die sind bekanntermaßen auch sehr bunt und so glühend und leuchtend, als wäre des Malers Pinsel voll auf Droge. Ein totaler Farbsog, der intensiver kaum sein könnte, Pop pur. Das hätte arg schief gehen können, nämlich dann, wenn die satten Wände die Farben der Gemälde geschluckt hätten. Aber genau das ist die Kunst des Künstlers, er weiß, wie die Chemie der Pigmente wirkt.

Die letzten zwei, drei Jahre reiste Bisky häufiger nach Brasilien. Rio de Janeiro. Sao Paulo. Salvador de Bahia. Seine Impressionen und Gedanken hat er nun in der Werkreihe „Paraisópolis“ festgehalten. Das heißt übersetzt „Paradies“, auch der größte Slam Sao Paulos trägt diesen Namen. In jenem Spannungsverhältnis malt Bisky auch. Da der grüne Dschungel und das Paradies mit blauem Wasser und noch blauerem Himmel, dort der Absturz, turbulente Straßenszene. Alles dreht sich, verschlingt sich, löst sich auf, wirbelt herum, Menschen wie Knäule.

„Dieuvio“ heißt ein Tableau, da taumeln drei ineinander verkantete Jungs ins Nichts, das gleicht in seiner modernen Dramatik dem „Engelssturz“ von Rubens. Statt religiöser Symbolik gibt’s Sickpacks des 21. Jahrhunderts. Die Moderne hat halt ihre eigene Kompensation. Bekannt für kräftige Farben war Bisky immer schon, doch unter der heißen Sonne Brasiliens sind sie intensiver geworden. Noch etwas ist hinzugekommen, jetzt wagt sich der 42-Jährige mit seinen fragmentierten Körperwelten ins neue Zwischenreich der Abstraktion. (Galerie Crone, Rudi-Dutschke-Str. 26. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 13. April)

„Hey“, sagt Emma, „ich finde, man sieht, er hat den ,Playboy’ gemacht“. Meine Freundin zeigt auf die ziemlich kunterbunten Figuren von Keiichi Tanaami, die im Schinkel-Pavillon extra brav auf Sockeln präsentiert sind. Das müssen wir erklären, der japanische Künstler war Mitte der Siebziger Art Director des japanischen Männermagazins, wahrscheinlich blieb er nicht lange. Ein bisschen ist er wie Andy Warhol, nur eben auf japanisch, Manga spielt da eine Rolle. Ähnlich wie der New Yorker „Factory Man“ entdeckte er den Pop für das Land der Kirschblüte. Konsum, sexuelle Befreiung und Drogen, das sind die Themen des Künstlers, Filmemachers und Grafikers. Was die Holzfiguren betrifft, muss man zwei mal hinschauen. Nun ja, kindsgerecht sehen sie aus, halt wie muntere Figürchen aus den Ü-Eiern, nur in XXL. Wären da nicht lauter nackte Tatsachen, güldene Ladys in voller Vorderpracht und ziemlich viel Phalli in allen möglichen Ausformungen. Der Elefant mit seinem Rüssel kommt nicht jugendfrei daher. Bizarr sieht das Ensemble von weitem aus. Phantasiearchitektur oder surreales Design? Ganz klar, irgendwie ist Tanaami auch der Ziehvater von Takashi Murakami, einem der erfolgreichsten Künstler Japans.

Tanaamis Skulpuren, gemacht wie für ein Männermagazin: frivol, farbenfroh – und zum Anfassen. Sie entstanden in den 80er Jahren, zu der Zeit lag Tanaami ziemlich malade im Bett, etwas Schlimmes mit der Lunge. Wahnvorstellungen sollen ihn fiebrig verfolgt haben. Wenn, dann waren es jedenfalls ziemlich erotische. (Oberwallstr. 1. Di/Fr/Sa/So 12-18 Uhr. Bis 3. März)