Klassikkritik

Tartarische Coolness: Kitajenko startet das „Festival Russland

Neu im Konzerthaus: Kyrillische Toilettenbeschilderung!

In der Pause gibt’s Krimsekt, Blinis mit Kaviar und „gefüllte Eier“. Im Rang sitzt doch tatsächlich eine Dame mit Diadem auf dem Kopf. Man merkt: Hier tobt das „Festival Russland“ samt Matrjoschkas und Ausstellung mit Balalaika. Elf Tage lang gibt es hier Russisches satt. Als Dirigier-Mann vom Fach erleichtert Dmitrij Kitajenko zum Auftakt drei Musik-Schwergewichte um alles Tragische, dick Aufgetragene. Er hat Recht. Jedenfalls zunächst. Wo Modest Mussorgskys „Lieder und Tänze des Todes“ tragisch werden, da heizt man bei uns gern deftig nach. Auf dass alles heiß und fettig wird. Ganz falsch! Kitajenko machts umgekehrt – und wird kühler, sachlicher. Strenger. Wieder was gelernt.

Knallig etwa bläst Nikolai Rimski-Korsakow in der „Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch“- Suite zum Sturm. Also lässt Kitajenko tartarische Coolness walten. Den armenischen Bass Arutjun Kotchinian (früher Deutsche Oper) kann man so nicht aus der Reserve locken. Schon bei Mussorgsky, erst recht bei Schostakowitschs Symphonie Nr. 13 referiert er Inhalt. Steht neben sich. Rhythmisch bräsig, mit bequemem Orgelton, bleibt Kotchinian alle Dringlichkeit schuldig. So schön seine Stimme auch sein mag: Er verlässt sich zur sehr auf Samt und Seide.

Erst die gelierenden Flächen ab dem 3. Satz („Im Laden“) verbinden sich mit dem Hinterhalt dieser Musik kongenial. Die Mannen vom Prager Philharmonischen Chor röhren mit Riesen-Stimmen. Herrlich! Am Ende Jubel. Denn: Schluss gut, alles gut. Im Ganzen hinterlässt Schostakowitschs Siebzigminüter dennoch den Eindruck von Dehnbarkeit. Bisserl mehr elegische Bissigkeit würde noch gut tun.

Das Konzerthausorchester, von Natur aus kein Temperamentsbolzen, wird von Kitajenko auf Dauer zu konziliant und freundlich durch die Partitur gewunken. Man fragt sich: Gibt es denn zum Anfang eines großen Russen-Schwerpunkts keine knackigere, unverwüstlichere Ware? Die Händler an den Pausenbüffets blieben auf ihren Piroggen sitzen. Start the revolution, boys! Kai Luehrs-Kaiser