Theaterkritik

„Die gelbe Tapete“: Wenn langsam die Wirklichkeit entgleitet

Die Illusion ist wieder mal perfekt.

Mit dem einen Auge schielt man oben auf die große Leinwand, auf der ein Film entsteht, der unten auf der Bühne, da, wo das andere Auge sich gerade zwischen Bühnenbild und Kabelsalat zu orientieren sucht, live eingespielt wird. Es scheint unmöglich, sich dem Sog zu entziehen, den Katie Mitchells Live-Video-Performances entwickeln. Erst nach einiger Zeit ist die eigene Wahrnehmung dahingehend stabilisiert, dass sie sich nun auch dem eigentlichen Stück zuwenden kann. Das ist gar keins, sondern eine nur wenige Seiten umfassende Erzählung. Mit „Die gelbe Tapete“ von Charlotte Perkins Gilman hat sich die Regisseurin einen Klassiker der feministischen Literatur vorgenommen.

Ursprünglich erzählt Perkins Gilman von einer Frau, die nach der Geburt ihres Kindes in eine schwere Depression fällt und zusammen mit ihrem Mann in ein Landhaus fährt. Sie verliert zunehmend den Verstand, wobei ihr die gelbe Zimmertapete zum psychischen Ventil wird, denn zwischen zwei Tapetenschichten vermutet sie eine Frau, die sie glaubt retten zu müssen und die natürlich niemand anderes ist als sie selbst.

Bei Mitchell nun ist Tilman Strauß der beste aller Ehemänner. Trotzdem hätte diese Geschichte, die Mitchell ins Berliner Umland der Gegenwart verlegt, noch die einer Frau werden können, der die Wirklichkeit entgleitet. Und wenn Judith Engel mit verbissenem Blick und tränengeflutetem Auge im Close-Up die Ornamentfetzen von der Wand reißt, dann stellt gerade die filmische De- und Rekonstruktion eine verblüffende Intimität her. Ihre Stimme hat Anna von Anfang an abgegeben, in einer Tonkabine spricht Ursina Lardi Annas Gedankenstrom. Alles, was sonst noch gesagt wird, erreicht den Zuschauer so gedämpft wie die Realität eben einen depressiven Menschen erreicht. Es hätte ein berührender Abend werden können, das Psychogramm einer Depression, doch am Ende vergaloppiert sich Mitchell, die das Geschehen allzu abrupt vom inneren Wahrnehmungs- in den Wirklichkeitsmodus schaltet. Schade.

Schaubühne 18.2. 20 Uhr Tel. 89 00 23