Berlinale-Sieger

Gold für das Muttermonster

Osteuropäer räumen die Berlinale-Preise ab. Die großen Stars gehen alle leer aus

Es war eine Berlinale der starken Frauen. Erstmals in der Internationalen Jury gab es mehr weibliche als männliche Juroren (das Verhältnis belief sich auf 4:3). Erstmals liefen im Wettbewerb drei Filme von Regisseurinnen (das waren exakt drei mehr als letzten Mai in Cannes). Und überraschend viele der Beiträge handelten auch von Frauen. Frauen, die sich durchsetzen, die sich absetzen, die nicht klein beigeben. Am Ende sind die drei Regisseurinnen zwar leer ausgegangen, aber die mehrheitlich weibliche Jury hat bei ihrer Bären-Vergabe zumindest die Frauenquote der Filme voll erfüllt.

Dass die Chilenin Paulina Garcia für ihre Rolle in „Gloria“ zur besten Schauspielerin gekürt würde, das war Common Sense auf der 63. Berlinale; das hatte niemand anders erwartet. Eine nicht mehr ganz junge Frau, die sich mit ihrem Alleinsein nicht abfinden will, die Männer kennen lernt, von denen man dringend abraten möchte, die natürlich Enttäuschungen erlebt und doch den Mut nicht verliert: Mit diesem Part hat die 62-Jährige das Festival im Sturm erobert, wie die ungleich jüngere Sally Hawkins vor fünf Jahren in „Happy-Go-lucky“.

Lauter Sieger, die keiner kennt

Die einzige, die ihr den Sieg wirklich hätte streitig machen können, war die rumänische Schauspielerin Lumintja Gheorghiu. Sie spielte das dominante Muttermonster in dem rumänischen Beitrag „Child’s Pose)“, eine geschiedene Frau der Oberklasse, die vor nichts zurückschreckt, um ihren Sohn, der ein Kind aus der Unterschicht totgefahren hat, zu schonen, und sei es Bestechung oder Schweigegeld. Dieser Film aber bekam, als erste Produktion aus Rumänien, den Hauptpreis der Berlinale. Und damit siegten beide Frauen.

„Child’s Pose“ war vielleicht der absonderlichste Film dieses Festivals: In der ersten halben Stunde ist man eigentlich nicht bereit, all den unsympathischen Figuren zu folgen, da glaubt man noch, alle Klischees einer bestechlichen korrupten Gesellschaft erfüllt zu sehen. Aber dann passiert etwas mit diesen Figuren, sie brechen doch hinter ihren Panzern auf, werden menschlich, ahnen so etwas wie Verantwortung, wie Trauer und Mit-Leid. Und das überträgt sich auf den Zuschauer. Wer den Film zu Ende gesehen hat, ist ein besserer Mensch.

Gleich doppelt wurde der bosnische Beitrag „An episode in the Life of an Iron Picker“ von Danis Tanovic ausgezeichnet. Ein Hybrid zwischen Dokumentar- und Spielfilm. Eine Roma-Familie ohne jegliche Schauspielerfahrung spielt ihr eigenes Leid durch: wie die Frau eine Fehlgeburt erleidet, aber kein Krankenhaus ihr totes Kind wegoperieren will, weil sie nicht versichert ist. Es hat bei der Pressekonferenz wirklich ein Journalist Senada Alimanovic gefragt, warum sie nicht geweint habe in der Szene, in der sie erfährt, dass sie ihr Kind verloren hat. So herzlos, so instinktlos muss man erst mal sein. Aber tatsächlich ist „An episode“ nicht wie ein normaler Film zu werten, weil hier eben wirklich eine reale Geschichte von den direkt Betroffenen nachgespielt wird. Dass der Film nicht nur den Großen Preis der Jury erhielt, sondern auch den Silbernen Bären für den besten Schauspieler, ist allerdings auch ein Affront für alle ausgebildeten Darsteller, die in diesem Wettbewerb angetreten sind.

Und noch einen Film gab es, dem mit rein filmkritischen Kriterien nicht beizukommen war: Der Iraner Jafar Panahi hate „Parde“ trotz Hausarrestes und Berufsverbotes in seinem eigenen Haus gedreht. Dass er nicht nur den Mut aufgebracht hat, den Film gegen alle Widerstände zu machen, sondern auch, ihn auf einem Festival zu zeigen, wie immer auch die Konsequenzen für ihn ausfallen werden – das erzwang geradezu einen symbolischen Preis, noch dazu, wo mit der Künstlerin und Regisseurin Shirin Neshat eine Landsmännin in der Jury saß, die nicht in ihre Heimat zurückkehren kann.

Ein Problem für das Festival

Die Jury um Wong Kar-wai war nicht zu beneiden in diesem Jahr. War der Wettbewerb doch so schwach wie seit Jahren nicht. Aber am Ende hat sie sich genau richtig entschieden, vor allem gegen die durch die Bank enttäuschenden US-Beiträge wie „Side Effects“ oder „Promised Land“, die Reizthemen aufgriffen, aber nicht durchspielten. Der Regie-Preis an den US-Independentfilmer David Gordon Green darf da getrost als Trostpreis verstanden werden. Nein, die Jury hat sich auf die wenigen Werke beschränkt, die wirklich herausragten. Nur dem kasachischen Filmdebüt „Harmony Lessons“ hätte man mehr als nur einen Kamera-Preis gewünscht.

Einmal mehr fällt der Berlinale-Preissegen auf eher wenig beachtete Kinonationen, von denen wir sonst selten Filme bei uns sehen. Es sind, auch das ist nicht ohne Ironie, fast alles Neun-Uhr-Filme, die hier ausgezeichnet wurden. Solche also, die Dieter Kosslick nicht als die großen Premieren in der Hauptschiene um 19 Uhr ansetzt, wo erwartungsgemäß die meisten Fotografen und Autogrammjäger vor dem Roten Teppich warten. Sondern Filme, die mit Namen aufwarten, die die meisten Kinobesucher noch nie gehört haben und vor denen die meisten heimischen Verleiher abwinken.

Die Kosslick-Berlinale klappt immer auffälliger in zwei Extreme auseinander: hier das Star-Kino, das irgendwie abgedeckt wird, und sei der Beitrag noch so schwach; und da das Kunstkino, das es jenseits des Mainstreams zu entdecken gibt. Es ist nur folgerichtig, wenn die Jury sich bei einer solchen Auswahl für letzteres entscheidet. Als Wong Kar-wai vor fünf Jahren Jury-Präsident in Cannes war, gingen die Goldene Palme an Ken Loach und weitere Preise an Pedro Almodovar und Alejandro Gonzalez Inarritu. Namen des Weltkinos. Bei der Berlinale war der letzte weithin bekannte Gold-Gewinner Fatih Akin mit „Gegen die Wand“. Das war 2004. Lauter Sieger, die keiner kennt: Das wird zu einem echten Image-Problem für die Berlinale.