Kino

Ein Berlinale-Beitrag ist noch keine Erfolgsgarantie

Von den rund 400 Filmen des Festivals haben erst 15 einen regulären Kinostart

404 Filme sind in den letzten zehn Tagen auf der Berlinale gelaufen, wieder einmal war das Filmfest ein Publikumsmagnet mit oft ausverkauften Vorstellungen. Doch an viele der Beiträge traut sich kein deutscher Verleih, man wird sie danach wahrscheinlich nie wieder auf der Leinwand zu sehen bekommen. Jahrelang war das Festival im Februar Anlaufstelle für die Favoriten im Oscar-Rennen, doch seit die amerikanische Filmakademie die Preisverleihung vorverlegt hat, wird es immer schwieriger, hochkarätige Hollywoodproduktionen nach Berlin zu locken.

Die Folge: Anders als in früheren Jahren, als die US-Studios die Berlinale als Sprungbrett nutzten und gleich im Anschluss ihre publikumsträchtigen Produktionen ins Kino schickten, war der Wettbewerb 2013 vor allem mit Filmen bestückt, die noch gar keinen deutschen Verleih haben. Das mag sich nach der gestrigen Preisvergabe bald ändern, doch bislang sind erst von 15 Berlinale-Titeln feste Starttermine bekannt, darunter nur vier aus dem Wettbewerb. Und selbst auf diese wird das deutsche Publikum größtenteils noch eine Weile warten müssen.

Bereits kommenden Donnerstag läuft die opulente Musicalverfilmung „Les Misérables“ mit Anne Hathaway und Hugh Jackman an, knapp zwei Wochen nach der Galavorführung im Friedrichstadt-Palast. Nächste Woche startet dann die Paralympics-Doku „Gold – Du kannst mehr als Du denkst“ über drei körperbehinderte Spitzensportler, die als Special zu sehen war. Am 7. März folgt die mit Jeremy Irons, Bruno Ganz und Martina Gedeck hochkarätig besetzte, aber flaue Bestselleradaption „Nachtzug nach Lissabon“. Zwei Wochen später laufen gleich zwei Filme an: Giuseppe Tornatores Kunst-Thriller „The Best Offer“ mit Geoffrey Rush sowie der 3D-Animationsfilm „Die Croods“. Danach klafft eine Lücke von vier Wochen, erst am 25. April starten wieder zwei Berlinale-Filme – und dann auch erst der erste Wettbewerbsbeitrag. Steven Soderberghs Thriller „Side Effects“ mit Jude Law und Catherine Zeta-Jones wird zugleich auch Soderberghs letzter sein, zumindest fürs Erste: Er hat eine Auszeit auf unbestimmte Zeit angekündigt.

Ab 6. Juni philosophieren Julie Delpy und Ethan Hawke in Richard Linklaters Tragikomödie „Before Midnight“ über die Liebe und das Leben. Gus van Sants Ökodrama „Promised Land“ mit Matt Damon läuft am 13. Juni an. Am 27. Juni, also erst fünf Monate, nachdem er die Berlinale eröffnete, kommt Wong Kar-wais Kung-Fu-Epos „The Grandmaster“ ins Kino. Der deutsche Wettbewerbsbeitrag, Thomas Arslans Western „Gold“ mit Nina Hoss, ist für den 15. August angekündigt, das Klosterdrama „Die Nonne“ mit Isabelle Huppert gar erst für den 31. Oktober.

Ein Blick auf frühere Jahrgänge zeigt, dass die Vorsicht der Verleiher nicht ganz unbegründet ist. Auch wenn es zumindest die Gewinner des Goldenen Bären meist ins Kino schaffen, bleiben die Zuschauerzahlen oft mager. So haben Michael Winterbottoms „In this World“ (Goldener Bär 2003), das südafrikanische Musical „U-Carmen eKhayelitsha“ (2005), das Polizeidrama „Elite Squad“ (2008) aus Brasilien, „Eine Perle Ewigkeit“ (2009) der peruanischen Regisseurin Claudia Llosa und auch das iranische Bezeihungsdrama „Nader und Simin – Eine Trennung“, trotz späterem Auslands-Oscar, selten mehr als ein paar Tausend Zuschauer ins Kino gelockt. Aktuell ist der Gewinner vom Vorjahr, das mit acht Kopien gestartete Häftlingsdrama „Cäsar muss sterben“ der Brüder Taviani, nach nur sieben Wochen schon wieder aus fast allen Kinos verschwunden. Bei einem Preisträger der letzten 20 Jahre hat sich indes gar kein Verleih gefunden: „Die Frauen vom See der unschuldigen Seele“ aus China war nach der Berlinale-Premiere 1993 nicht mehr zu sehen.

Doch es gibt auch positive Beispiele, beispielsweise schaffte es der in der Mongolei gedrehte Gewinner „Tuyas Hochzeit“ nach seiner Auszeichnung 2007 auf rund 100.000 Zuschauer, das türkische Vater-Sohn-Drama „Bal – Honig“ (2010) auf 130.00 und der letzte Bärengewinner aus Deutschland, Fatih Akins „Gegen die Wand“, lockte 2004 sogar über eine Dreiviertelmillion Zuschauer ins Kino.