Konzert

Den Bäumen sind Vögel so was von egal

Nick Cave im Admiralspalast und die Frage: Ist das kitschige Lyrik oder lyrischer Kitsch?

Nick Cave ist ja seit September schon 55. Und diese Tage erscheint sein zwanzigstes Album. Mit seiner Band „The Bad Seeds“ ist es das fünfzehnte. Aber schaut man auf diesen Mann, der im ausverkauften Admiralspalast in seinem dunklen Anzug mit seinen Spinnengliedern über die Bühne wütet, springt und tanzt wie der Teufel, denkt man daran, dass Bowies Ziggy Stardust wohl einen bösen Bruder gehabt haben muss, der erst heute Abend zum Vorschein kommt und nie gealtert ist.

Er spielt sein neues Album „Push the Sky Away“ in einem durch. Neun neue Songs. Nacheinander. In der gleichen Reihenfolge wie auf der CD. Ehrlich gesagt, ist das cool. Weil man merkt, wie gut arrangiert diese Platte ist. Cave singt von kleinen Vögelchen und wie egal es den Bäumen ist, dass die überhaupt zwitschern. Obwohl da ein Dutzend Leute auf der Bühne steht, vor allen Dingen dieser verrückte Bartmann Waren Ellis, der gerade Querflöte spielt, hat man nur Augen für Cave. Seine Bad Seeds reichen dem singenden Erzengel ein nachdenkliches Gewand, gefärbt in dem bittersüßesten Blau einer schwindenden Fiebernacht. Er windet sich durch das vertonte Toten-Gedicht „Water's Edge“. „But You grow old an you grow cold“, sein Teint ist blass, das Haar so dunkel. Cave kniet sich hin, wie er das vorträgt, ganz vorne, und deutet auf die Gäste in der ersten Reihe. Als wolle er sagen, auch Dir wird das passieren, und Dir, und Dir. Und doch schließt er am Ende fast versöhnlich „It's the will of love/ It's the thrill of love“.

Hinten rechts steht dieser Kinderchor auf einem Podest. Das hat was Anrührendes. Der Mann, der viele Jahre Heroin gespritzt hat, der einst ein lebender Toter war, singt nun mit seiner körperstreichelnd tiefen Stimme, und diese Glöckchenlaute der Kinder im Refrain, die Akustikgitarre, das ist echt großer Kitsch, er singt von Meerjungfrauen und klatscht einem dann doch wieder links und rechts eine. Cave glaubt an Gott, er glaubt an Meerjungfrauen und natürlich an die 72 Jungfrauen. „Seid ihr bereit, Kinder?“, fragt er den Chor. Die Kinder antworten stolz aus ihren kleinen Kehlen. Sechs kleine Yes fliegen durch die Luft. Im Admiralspalast macht sich ein fröhliche Heiterkeit breit. Der Bruch mit düsterer Stimmung ist Caves liebstes Stilmittel. Wenige Sekunden vorher sang er noch im „Higgs Boson Blues“ davon wie Teenie-Idol Hannah Montana es mit der ganzen afrikanischen Savanne tut, und ihre Darstellerin Miley Cyrus am Ende tot in einem Pool treibt, und jetzt ist er wieder der gute Onkel, der sich um seine Kleinen sorgt.

Mit den alten Stücke wie „The Ship Song“ oder „Deanna“ trauen sich auch endlich die Tänzer vor die Bühne. Der Rocker Cave wirft sein Sakko auf den Boden. Alle paar Jahre kommt der Prophet und feiert mit seinen Jüngern diese dunkle Messe. Nick Cave ist ein guter Prophet.