Interview

„Deutsch kann ich nur singen“

Der älteste Star der Berlinale: Christopher Lee singt Mozart und spricht über Softpornos

Die Stimme ist unverkennbar, aus der „Herr der Ringe“-Reihe und aus unzähligen Dracula-Filmen. Jetzt ist Christopher Lee in „Nachtzug nach Lissabon“ auf der Berlinale. Im Interview beweist er, dass er sogar Oper singen kann. Plötzlich setzt der 90jährige zur Register-Arie aus Mozarts „Don Giovanni“ an. Und erweist sich auch sonst cooler als so manch jüngerer Kollege. Mit der Schauspiel-Legende hat Thomas Abeltshauser gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Mr. Lee, Sie stehen im Guinnessbuch der Rekorde als der Schauspieler mit den meisten Filmrollen. Wissen Sie eigentlich selbst, in wie vielen Filmen Sie mitgespielt haben?

Christopher Lee:

Ich bin mir nicht sicher, aber es gibt Leute an Universitäten, die sich damit beschäftigen. Angeblich sollen es so um die 270 sein. Ich kann mich nicht erinnern und manche Filme würde ich auch lieber vergessen. Drei Regisseure wollte ich umbringen, einen davon aus Deutschland. Aber ich kann Ihnen nicht verraten, wen.

Sie sind in der Schweiz zur Schule gegangen…

Ja, wir lebten einige Jahre am Genfer See. Später zog ich mit meiner Frau noch einmal für drei Jahre in die Schweiz, unsere Tochter wurde dort geboren.

Sprechen Sie noch Deutsch?

Sprechen nicht, aber ich singe auf Deutsch. Ich spreche Französisch, Italienisch und Spanisch, aber nicht Deutsch.

Aber Sie haben doch in den sechziger Jahren völlig akzentfrei in einigen deutschen Edgar-Wallace-Filmen mitgespielt…

Auch bei Steven Spielbergs „1941 – Wo bitte geht’s nach Hollywood?“ spielte ich einen deutschen... wie sagt man? (sagt es deutsch:) Unter-see-boot-kapi-tän. Das war damals ein Flop, von der Kritik verrissen. Heute ist es ein Kultfilm. Ich kann mich noch aufs Wort an meinen Text erinnern. Meine Aussprache ist in Ordnung, aber ich habe nie die deutsche Grammatik gelernt, viel zu kompliziert. Allein das Geschlecht: Das Mädchen. Der Rhein. Die Elbe. Ist doch verrückt.

Stimmt es, dass Ihre erste Rolle als Bösewicht im Schweizer Schultheater das Rumpelstilzchen war?

Oh, ja! Damals habe ich mich total blamiert, weil ich vor Lampenfieber auf der Bühne in die Hose pinkelte. Seitdem habe ich viele weitere Blamagen erlebt, aber das ist mir zum Glück nicht mehr passiert.

Was hat Sie an „Nachtzug nach Lissabon“ gereizt?

Das ist wahrscheinlich die hochkarätigste Besetzung, bei der ich jemals dabei war. Ich habe ja bloß eine kleine Rolle und stand nur mit Jeremy Irons in Portugal vor der Kamera. Er ist der beste britische Schauspieler unsere Zeit, neben Daniel Day-Lewis. Das ist zumindest meine Meinung. Aber auch die anderen im Film sind fantastisch: Charlotte Rampling, Martina Gedeck, Mélanie Laurent... Und Bruno Ganz! Die Welt wird ihn nie vergessen als Hitler in „Der Untergang“. Der arme Mann muss wahrscheinlich bei jedem Interview darüber reden, so wie ich dauernd zu Dracula befragt werde. Eine Rolle im „Nachtzug“ spielt Jack Huston, den lerne ich erst jetzt hier in Berlin kennen; wir hatten nicht eine Szene zusammen. Aber ich habe einen Film mit seinen Großvater gedreht, John Huston. Das war „Moulin Rouge“, das Original von 1952. Das war vor mehr als einem halben Jahrhundert!

Macht es für Sie einen Unterschied, ob Sie mit hervorragenden oder bloß mit guten Darstellern vor der Kamera stehen?

Das große Problem ist, dass heute Filme für Teenager gemacht werden, absoluter Blödsinn. Und heute ist jeder sofort ein Star, sogar bevor sie ihren ersten Film gedreht haben. Das ist nur Publicity, sehr traurig. Und kaum einer von denen hält sich lange, sie kommen und gehen. Aus einem einfachen Grund: Weil sie den Beruf nicht gelernt haben. Das Besondere an Jeremy Irons ist, dass er in den Szenen wirklich zuhört und nicht bereits an seine nächsten Zeilen denkt. Man sieht ihm beim Hören und Denken zu, das wird in den Großaufnahmen deutlich. Und das findet man nicht oft unter Kollegen.

Sie müssten eigentlich längst nicht mehr arbeiten. Wonach suchen Sie Ihre Rollen aus?

Beim Lesen eines Drehbuchs überlege ich: Ist es die Rolle wert? Werden mir die Leute zuhören? Werden sie sich daran erinnern? Selbst wenn es nur ein Drehtag ist. Mehr als eine Woche drehe ich heutzutage eh nicht mehr. Mit Tim Burton habe ich schon vier, fünf Filme gemacht und für „Dark Shadows“ hat er extra eine Szene für mich ins Drehbuch geschrieben. Ich habe nur vier Zeilen im Film, aber die prägen sich ein.

Gibt es Dinge, die Sie bereuen?

Es gibt Filme, die nicht hätte machen sollen. Aber damals wurde ich von Produzenten angelogen und ich sagte zu – unter der Annahme, dass bestimmte Leute mitspielten. Einmal sollte ich für zwei Tage nach Barcelona kommen, für die Adaption von Marquis de Sades „Philosophie im Boudoir“. Ich fahre also hin und drehe eine Szene als Moderator, um mich herum sitzen Männer und Frauen und hören mir zu. Das war‘s. Ein paar Monate später sagte mir ein Freund, ich sei in einem Film, der in einem Schmuddelkino in London läuft. Auf dem Plakat stand: Christopher Lee in „Eugenes Perversionen im Boudoir“. Was nämlich nach meiner Abreise passiert war: All diese Leute, die mir in der Szene zugehört hatten, zogen sich danach aus und begannen, bestimmte Dinge miteinander zu tun. Das hatte man mir nur vorher nicht gesagt. Und jetzt war ich der Star eines Erotikfilms. So habe ich mittlerweile in fast jedem Genre mitgespielt. Stimmt, das überrascht immer wieder Leute. Ich singe noch immer. Ich kann noch immer Leporello aus „Don Giovanni“ singen, oder den Großinquisitor aus „Don Carlos“ auf Italienisch. Auf Deutsch kann ich Wagners „Der Fliegende Holländer“. (Er singt aus dem Stand ein paar Takte Mozart)

Was hat es eigentlich mit dem Heavy-Metal-Album über Karl den Großen auf sich, über das es im Internet Gerüchte gibt?

Karl der Große ist auch auf meinem Siegelring, unsere Familie erhielt von Barbarossa das Recht, die Krone und den Doppeladler zu tragen. Viele behaupten ja, dass sie von ihm abstimmen, wir können beweisen, dass wir es tun. Ich habe dann vor drei Jahren ein erstes Album mit dem Titel „The Sword and the Cross“ aufgenommen. Das war aber kein Heavy Metal, sondern Symphonic Metal. Das ist ein bisschen anders. Wir hatten aber damals keine gute Plattenfirma, sie haben einfach nichts getan und das Album ist in der Versenkung verschwunden. Jetzt haben wir das zweite fast fertig. Der Titel: „Omens of Death“.