Kosmetikpause

Das Pausenprogramm gegen graue Gesichter

Wie sich Kinobesucher aufhübschen lassen: Eine Reportage aus dem L‘Oréal-Wagen

Die langen Tage im Dunkeln, der trockenen Luft in den Kinosälen ausgesetzt, und die noch viel längeren Nächte mit ihren sich stets füllenden und stets wieder leerenden Gläsern haben ihre Spuren hinterlassen. Am offensichtlichsten trifft es die feine Haut der Gesichter. Sie welkt. Rote Punkte bilden sich, wo zuvor herrlicher Naturteint war. Unter den Augen wächst ein kaltes Grau.

Gott sei Dank gibt es Ricarda. Die blonde Frau, sie wird so Ende 20 sein, steht am Oberdeck ihres Raumkreuzers. „Cocobello“ heißt das abenteuerliche Konstrukt aus Glas und weißer Verkleidung. In Wahrheit hat eine Kosmetikfirma, die die Berlinale mitsponsert. das Ding hier hin gestellt. Aber, irgendwie will man doch glauben, es sei von einer fernen Welt, weil das noch viel schöner wäre. Eine schmale Treppe vorbei am winzigen Empfang nach oben gehend, sitzen wir nun am Oberdeck des Weltraumkreuzers. Ricarda trägt so eine dunkle Hosenanzughose und ist gut mit Make-Up versorgt. Auf ihrem Tisch liegen bestimmt fünfundzwanzig verschiedene Pinsel und Gott weiß wie viele Puderdöschen. Sie ist Make-Up-Artist – Kosmetikerin ist sie nicht, sonst müsste sie auch Füße und Pickel behandeln, und das will sie nicht.

Jetzt fängt sie erst einmal an, die Haut zu klären. Ein herrlich kühlendes Gesichtswasser verteilt sie mit ihren zarten Händen auf der ausgetrockneten Gesichtshaut. „Dann nehmen wir ein bisschen Concealer gegen die Augenringe“, sagt sie. Ob man eigentlich sieht, ob die vom Trinken oder vom Arbeiten kommen? Die Haut zeige das schon sehr deutlich, sagt sie mit einem Lächeln.

Unter uns laufen die Touristen. Es ist elf Uhr morgens. Vor dem Ritz Carlton hält eine große Stuttgarter Limousine und eine junge Frau mit sehr vielen Einkaufstaschen steigt aus. Und wir, ja wir trinken natürlich Champagner, während uns das Gesicht gemacht wird. Was gar nicht so einfach ist, weil Ricarda eigentlich keine Trinkpausen einlegt. Die muss man sich als Gast selber suchen und dann nehmen. Jetzt zum Beispiel, weil sie mit dem Klären fertig ist. Klären heißt reinigen. Kennt man ja aus der Kläranlage.

„Breite Augenbrauen find’ ich super. Ist auch gerade im Trend. Aber da über dem Nasenrücken könnten Sie vielleicht mal was machen.“ Offener wirke das, fügt sie noch hinzu. Und dann erzählt sie, dass die Heike Makatsch dieses Jahr da war. Die hatte eine Super-Haut, „sie schminkt sich ja auch nur wenig, bisschen Concealer und sonst kaum was.“ Während Ricarda mit ihrem Puderpinsel rote Pünktchen verschwinden lässt, erklärt sie, dass heutiges Make-Up ein Pflegeprodukt sei. So richtig mit Ölen. Das könne man ruhig länger drauflassen. Früher hat das ja furchtbar ausgetrocknet.

„Auge nach oben!“ Das ist ganz schön schwer. Also wirklich. Wenn man da so sitzt und eine fremde Frau will einem mit einem Concealer-Stift unters Auge fahren, und man versucht dabei, die ganze Zeit nach oben zu schauen, sieht man bestimmt so aus wie Peter Doherty. Total verrissene Augen. Und weil man sich so aufs Auge konzentriert, steht der Mund auch noch offen. Jeden Tag kommen ins Cocobello um die 64 Frauen. Bei dieser Berlinale waren aber erst vier Männer da. Ich bin der fünfte. Ist also immer noch ungewöhnlich. Aber Ricarda würde wirklich mit einem Mann ausgehen, der sich schminkt, sagt sie. Die Grenze zieht sie aber beim Lidstrich: „Ein Mann mit Kajal, das würde echt nicht gehen.“

Nach einer Viertelstunde ist Ricarda fertig. Zuerst sieht man gar nicht, dass sie überhaupt etwas gemacht hat. Aber das ist gut so. „Sie sehen viel frischer aus“, gibt sie mir und ihrer Arbeit ein Kompliment. Zum Abschied fährt sie mir noch einmal mit einer Bürste durch die Augenbrauen. Und jetzt seh ich es auch: Das kalte Grau ist weg. Und wie bestellt, scheint die Sonne durch die Fenster vom Cocobello. Auf in den nächsten Kinosaal. Wir sehen uns an der Bar.