„Dark Blood“

Später Abschied von einem Toten

Vor 20 Jahren starb River Phoenix mit nur 23 Jahren. Sein allerletzter Film „Dark Blood“ kommt erst jetzt auf die Leinwand

Ein Rat an alle künftigen und auch derzeitigen Filmemacher: Dreht niemals den Schluss eines Films zuletzt. Dreht bloß nicht der Reihe nach. Das ist wegen der komplizierten Tagesplanungen oft sowieso nicht möglich, den Schauspielern aber und vielen Regisseuren ist es eigentlich lieber, wenn man die Entwicklung der Figuren chronologisch aufnehmen kann. Der Nachteil ist nur: Was, wenn der Schluss nicht mehr zustande kommt? Dann steht man mit leeren Händen da.

Man denke an George Sluizer. Dem ist vor 20 Jahren der Super-GAU passiert, der einem Filmemacher nur passieren kann. Der niederländische Regisseur drehte damals in den bizarren Felslandschaften von Utah einen Spätwestern. Nur acht Wochen waren für die Independentproduktion angesetzt, fünf hatte man bereits hinter sich. Drei weitere sollten in Los Angeles folgen, für die Innenaufnahmen. Da brach einer der Hauptdarsteller, River Phoenix, vor einem Club in Hollywood auf der Straße zusammen. Er starb mit nur 23 Jahren an einer Überdosis Drogen. Und das bereits belichtete Filmmaterial fiel an die Versicherung, die damals für den Drehabbruch aufkommen musste.

Fehlendes wird nur vorgelesen

Sein Torso ließ Sluizer indes nie los. Jahre später kaufte er das Filmmaterial zurück. Und als er dann selbst schwer erkrankte, beschloss er, seinen Film noch zu Ende zu bringen. So lange es noch ging. So lange er noch selbst konnte. Sluizer ist 80 Jahre alt. Er hat seit zehn Jahren keinen Film mehr gedreht. „Dark Blood“ könnte auch sein eigenes Testament werden.

Der Vorteil immerhin, wenn das in diesem Zusammenhang nicht zu makaber klingt: Er hat nicht chronologisch gedreht. Und, ganz wichtig: Das Finale war schon abgedreht. Es fehlten vier, fünf wichtige Momente, aber an ganz unterschiedlichen Stellen. Sluizers Idee: Die fehlenden Szenen werden nicht etwa nachgedreht, Judy Davis und Jonathan Pryce, die die anderen Parts in dieser Dreiecksgeschichte spielten, sind schließlich auch älter geworden. Und River Phoenix, dem durch seinen frühen Tod ein ähnlicher Mythos anhängt wie James Dean, wäre sowieso nicht zu ersetzen gewesen. Nein, die Lücken werden von Sluizer selbst aus dem Off vorgelesen. Das wirkt fast wie ein normaler Off-Kommentar.

Wir kennen das eigentlich nur von Giftschrankfilmen. Also Filmen, die der Zensur zum Opfer gefallen sind wie in der DDR – und erst nach über 30 Jahren doch noch auf die Leinwand finden. Aber ein Fall wie dieser ist doch ziemlich einmalig. Jetzt, 20 Jahre danach, feiert „Dark Blood“ seine späte Premiere. Würde er im Wettbewerb laufen, wäre sogar ein posthumer Silberner Bär an River Phoenix möglich gewesen. Der Film läuft indes nur Außer Konkurrenz. Dennoch ist er einer der erstaunlichsten Titel der Berlinale. Weil seine eigene Nachgeschichte auf den fertigen Film zurückwirkt.

„Dark Blood“ spielt im Death Valley. Das ist zum einen klassisches Westernland, war zum anderen aber auch Testgebiet für zahllose Atombombenversuche der USA. Nicht umsonst starb John Wayne an Krebs: Er hatte dort Jahre seines Lebens Filme gedreht. Jetzt verschlägt es ein Ehepaar aus Kalifornien hierher, und weil der Ehemann (Jonathan Pryce) lieber den Angeberwagen fährt statt den praktischen Geländewagen, bleibt das Gefährt prompt liegen. Und er und seine Frau (Judy Davis) sind mutterseelenallein in der Wüstenei. Mutterseelenallein? Nein, ein junger Mann mit indianischem Blut, „Boy“, wie es im Drehbuch heißt, haust hier ganz allein in einer Hütte. Er gewährt den beiden Obdach. Er verspricht auch, sie in die nächste Stadt zu fahren. Aber er erfindet immer wieder Ausreden, warum das nicht gleich geht.

Die Gattin ist sauer auf ihren Mann. Und flirtet offen mit Boy. Das bringt den Gatten, wie gewollt, auf die Palme. Stachelt aber auch den jungen Mann an, dessen Frau früh gestorben ist. An Krebs. Dem hier viele in dieser Gegend erliegen. Immer offener wird das Spannungsverhältnis der dreien, immer klarer müssen sich die Eheleute als gefangen betrachten. Und bald eskalieren die Spannungen unter der sengenden Hitze der Wüstensonne. Ein erster Ausbruch des Mannes misslingt. Zu Fuß will er die 80 Kilometer bis zur nächsten Ortschaft schaffen, mit einer halben Flasche Wasser. Klappt natürlich nicht. Beim zweiten Mal büxen beide aus. Und landen in einer verseuchten, kontaminierten Geisterstadt. Da ist der Boy schon mit dem Gewehr hinter ihnen her.

Schon vor 20 Jahren war das Drehgebiet eine starke Metapher auf das tödliche Spannungsverhältnis. Wie viel stärker wirkt es aber jetzt – im Wissen um den frühen Tod von River Phoenix. Am Ende schlägt der Gatte aus Verzweiflung mit einer Axt auf Boy ein. Der bricht zusammen – und stirbt in den Armen der Gattin. Dieser Film-Tod ist der letzte filmische Auftritt des Jungstars, der mit „My Own Private Idaho“ und „Sneakers“ als einer der ganz großen Talente seiner Generation galt. Er stirbt hier, 20 Jahre nach seinem eigenen Ableben, noch einmal. Da jagt einen noch ein ganz anderer Schauer über den Rücken. Es wäre undenkbar gewesen, den Film ohne diesen Schluss zu beenden. So ist „Dark Blood“ ein allerletzter Abschied geworden.

Termine Friedrichstadt-Palast, heute, 12.30 Uhr und 17.2., 21 Uhr; Haus der Berliner Festspiele, heute, 20.45 Uhr