Außer Atem

Und jetzt alle: Verstörung ist doch dufte

Elmar Krekeler erlebt einen seltsamen Abend mit Roswitha

Wir müssen diesmal über Roswitha reden. Weil die nämlich neben mir gesessen ist. Einen ganzen verstörenden Abend lang in der Akademie der Künste am Hanseatenweg. Roswitha trägt Brille und eine praktische Kurzhaarfrisur. Ich schätze sie auf ungefähr Mitte Fünfzig. Und kaum ist sie da, hat sie ihren Mann, der, glaube ich, Nino heißt, derart angepampt – das kann lustig werden, obwohl heute fast permanent von Verstörung die Rede ist. Dann sitzen wir im Dunkeln und warten auf Ulrich Seidls „Paradies“-Trilogie, die zum ersten Mal hintereinander weg gezeigt wird, was einen tatsächlich verstören kann, denn Seidl guckt – wie es in jeder Seidl-Kritik heißt – ja in die menschlichen Abgründe, lässt uns in den Spiegel schauen. Das tun wir nun sechs Stunden lang.

Roswitha guckt zunächst ins Glas. Nino schenkt Sekt ein. Und Roswitha schunkelt sich allmählich in einen abstrusen Verstörungslimbo ein. Wobei man jetzt, für alle, die „Paradies: Liebe“, „Paradies: Glaube“ und „Paradies: Hoffnung“ nicht kennen, erst einmal kurz erklären muss, worum’s da geht.

Um drei Frauen. Teresa, Anna Maria und Melanie. Teresa ist Mellis Mutter, Anna ist ihre Tante. Alle drei haben sie Sehnsucht nach Liebe, alle drei haben Defizite, wegen derer sie diese Sehnsucht in unserer Gesellschaft schwer ausleben können. Teresas Bindegewebe lässt stark nach. Anna hat einen Katholizismus-Totalschaden. Melli ist zu mollig. Seidl folgt Teresa nach Kenia, wo sie sich von Beach-Boys Liebe kauft. Anna geht mit der Wander-Maria-Statue auf Missionarsarbeit und mit Kruzifix zur Selbstbefriedigung ins Bett. Melli muss ins Diätcamp.

Das ist alles nicht schön. Irgendwann, so nach anderthalb Filmen, wenn Anna ihr grünliches Siebzigerjahre-Möbel-, Lampen- und Kacheln-Museum astralleibrein wienert und sich flagelliert vor dem Gekreuzigten, hat man derart genug von hässlichen Räumen und traurigen halb- bis ganz nackigen Spätfünfzigerinnen, dass einem grün in der Seele wird. Zumal die Ernährungslage schlecht ist. Man kann Brezel essen. Wenn man schnell genug ist, ist der Wein umsonst.

Den braucht man. Aber nicht Seidls wegen. Sondern weil man sich in einem fort weniger für Seidls Personal, als fürs Berliner Publikum fremdzuschämen beginnt. Eine sehr seltsame Boah-ist-das-verstörend-Atmosphäre zieht durch den Saal. Die gucken sich das an wie das Dschungelcamp und lachen das Entsetzliche nicht etwa weg, sie lachen es aus, sie beuten es aus. Der Spiegel, den ihnen Seidl vorhält, ist immer der Spiegel der anderen. Roswitha könnte sich wegwerfen, als die dicken Kinder vom Diätcamp in hautenge Leggins gezwängt, auf Stilettos zum Tanzclub stampfen. Und als die armen, fetten Kinder im Abspann „If you’re happy and you know it, clap your fat“ singen, klatschen alle mit. Es würde einem schwerfallen, soviel zu trinken, wie man ausspeien möchte.