Musik

Frauen mit nackten Beinen und Männer mit Gitarren

Bei den Grammys machen vorwiegend leicht blässliche Herren das Rennen

Nirgendwo ist die Fähigkeit, gleichzeitig perfekt und aufmüpfig zu sein, derart ausgebildet wie im amerikanischen Showbusiness. Kein Film, kein Werbespot, keine Wetteransage kommt ohne einen heiklen Gag aus, Ruhm ist ohne Witz nicht denkbar. Das war auch bei der 55. Grammy-Verleihung so, die in Los Angeles über die Bühne gegangen ist.

Sittlich angemessen

Vorab war die Meldung kursiert, dass der austragende Sender CBS sämtliche Künstler aufgefordert hatte, auf züchtige Garderobe zu achten, was dazu führte, dass die hauptberuflichen Modeinspektoren auf dem roten Teppich nicht nur das Design, sondern stets auch die sittliche Angemessenheit der Roben taxierten. Als dann aber Jennifer Lopez früh am Abend ans Mikrophon trat, trug sie ein schwarzes Kleid, das ihr rechtes Bein vollkommen ausließ. Ihr erster Satz an diesem Abend lautete: „I got the memo.“ Ich habe die Anweisungen erhalten. So schnell konnte die amerikanische Vereinigung besorgter Eltern gar nicht zum Telefon greifen, wie Jennifer Lopez die ganze Hybris und Hysterie mit einer einzigen Bemerkung einkassiert hatte.

Zwei große Tendenzen brachte die Grammy-Verleihung 2013 zum Vorschein: Einerseits waren die Auftritte technisch raffiniert wie nie. Andererseits wurde vor allem Musik ausgezeichnet, die bereits 1979 nicht mehr neu geklungen hätte. Das Popgeschäft verlässt sich immer mehr auf die Verkaufsstrategie deutscher Autobauer, die in den USA derzeit von Erfolg zu Erfolg eilen: keine ästhetischen Experimente, dafür innovative Technik.

Die Grammy-Regisseure führten damit jene Entwicklung fort, die im April 2012 mit dem Live-Comeback des Rappers 2Pac begonnen hatte: Jahre nach seinem Tod stand 2Pac beim Coachella-Festival plötzlich als Hologramm auf der Bühne. Als nun die betuliche Radiopop-Band „Fun“ ihren „Song des Jahres“ „We Are Young“ aufführten, gab es noch lediglich einen bescheidenen Frühlingsregen auf der Bühne. Als dann aber die Reality-Show-Entdeckung Carrie Underwood als fleischgewordene Cinderella auftrat, wurde ihr riesiges silbernes Kleid plötzlich zur Leinwand: Dreidimensionale Rosen, Schmetterlinge und Lavalampen-Animationen flogen über diesen Kleine-Mädchen-Traum.

Die wichtigsten Auszeichnungen gingen indes vor allem an Bands, die das Analoge betonen: Das Album „Babel“ von „Mumford & Sons“ wurde zum besten des Jahres gekürt, das Blues-Duo „The Black Keys“ nahm gleich vier goldene Grammophone mit nach Hause, die zottelige Folk-Band „The Lumineers“ zwei. Allesamt großartige, formal konservative Gitarrenbands. Gotye und Kimbra wurden für die „Beste Single“ ausgezeichnet – „Somebody That I Used to Know“ wurde ja in Deutschland so oft gespielt, bis man zum Radio rannte und abschaltete. Noch ein paar Jahrzehnte früher bediente sich bei seinem Comeback nur Justin Timberlake der Züchtigkeit: Mit Fliege, Orchester und blonder Tolle sah er aus, als hätte er sich in ein Max-Raabe-Arrangement verirrt. Bei seinem Auftritt schaltete sogar die Fernsehübertragung für einen Moment auf Schwarz-Weiß. Damit dürfte Timberlakes Comeback der einzige gewesen sein, der selbst die Ingenieure unterforderte.