Klassik-Kritik

Marek Janowski dirigiert über den grünen Rasen hinweg

Die Schlusstöne von Max Regers halbstündigem Mammutwerk „Der 100. Psalm“ waren in der Philharmonie noch gar nicht richtig verhallt, da schrie schon eine einsame Stimme vom Rang lauthals „Halleluja und bravo“.

Das Bravo galt zweifellos dem großartigen Marek Janowski an der Spitze seines Rundfunk-Sinfonieorchesters und dem von Michael Gläser sorgfältig und kraftvoll einstudierten Rundfunkchor. Auf wen oder was das „Halleluja“ zielte, blieb offen. Die aggressiv deutschtümelnde Frömmigkeit hinter den Noten Regers gehört glücklicherweise der Vergangenheit an. Tatsächlich hat der Ausbruch der Neuen Musik Schönbergs und Bergs das altherkömmliche pathetische Geschwelge der Lobgesänge ins Vergessen gewischt.

Das konnte man schon vorab den genialischen Drei Orchesterstücken op. 6 von Alban Berg ablauschen, die mit riesigem instrumentalem Aufwand der Zukunft entgegenschritten. Allein schon das zweite Stück mit dem harmlosen Titel „Reigen“ ließ allen frühsommerlichen Tanzschwung auf grünem Rasen vermissen. Es rupfte ihn geradezu aus und schwang entlang seiner ganz anderen Wege. Und so trieb es auch der beschließende „Marsch“, zu dem fraglos keine Kompagnie je hätte marschieren können, in welchen gottverdammten Krieg auch immer. Neue Formen wurden erprobt. Janowski führte sie exemplarisch vor, ernsthaft und einleuchtend, überwältigend auch durch das aufgeklärte Zusammenspiel des Orchesters. Er bewilligte mit großer Geste Alban Berg den Triumph des herausfordernd ungewöhnlichen Musikabends.

Begonnen hatte er mit Strawinskys „Psalmensinfonie“, der feinen Huldigung an Gott, den Herrn, und gleichzeitig an Serge Koussevitzky, Gott, Herr und Auftraggeber des Boston Symphony Orchestra. Sie besticht in der Eröffnung ihres 2. Satzes mit einer weit gezogenen Fuge von Oboe und Flöte, in die sich alsbald weitere Flöten mischen. Der Schlusssatz trumpft durchaus nicht liebedienerisch auf. Er verhaucht - ganz im Gegensatz zu Regers bombastischem Finale.