Untersuchung

Wenn das Publikum keine Ruhe gibt

Ein Ökonom hat das Husten im Konzert untersucht. Die Besucher machen mit Absicht Krach

Das Röchelverzeichnis – die Liste der Variationen des Dauer-Themas Husten im Klassik-Konzert – ist endlos. Linderung zwar nicht, aber zumindest akademische Aufarbeitung bietet nun eine durchaus ernst gemeinte Studie, über die Laien staunen und Fachleute sich wundern können. Professor Andreas Wagener, Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät an der Leibniz Universität Hannover, bemüht sich auf knapp 40 Seiten um therapeutische Antworten auf die Frage „Warum husten Menschen (nicht) in Konzerten?“ Um es gleich vorweg zu nehmen: Eine alles erklärende Antwort oder gar eine Lösung hat auch er nicht parat. Aber immerhin interessante Fakten, die das Elend verstehen helfen, über das Heinrich Böll in seiner Kurzgeschichte „Husten im Konzert“ schrieb, dass es sich „langsam und mit aufreibender Folgerichtigkeit zum explosiven Gebell“ steigert.

Niesen, Schluckauf, Gähner

Wo Wissenschaft ist, da ist Statistik oft nicht weit – auch in dieser Ursachenforschung finden sich beachtenswerte Zahlen und Erkenntnisse aus früheren Expeditionen ins Land des Röchelns: Gesunde Erwachsene husten durchschnittlich etwa 16 Mal täglich, am ehesten noch zwischen 11 und 14 Uhr, also jenseits der üblichen Konzertzeiten, was 0,0555 Huster innerhalb eines fünfminütigen Zeitabschnitts bedeuten würde. Andererseits haben Untersuchungen aber auch ergeben, dass der durchschnittliche Konzertgänger etwa 0,025 Mal pro Minute zum Huster wird, woraus sich täglich 36 Huster ergäben, also mehr als das Doppelte der normalen Gesunden-Dosis. Nieser, Schluckauf und Gähner seien etwa ähnlich häufig wie Huster, könnten aber nicht in ihrer Gänze absichtlich produziert werden – und sind dennoch viel seltenere Störfaktoren in klassischen Konzerten.

Wären Huster rein zufällig und ungewollt, müssten sie viel gleichmäßiger über den Konzertabend verteilt sein, schreibt Wagener weiter. Sind sie aber nicht, wie jeder Laeiszhallen-Stammgast und etliche Solisten aus leidvoller Erfahrung bestätigen können. Und wenn sie unbeherrschbar wären, würde es ja auch auf der Bühne unter den Mitwirkenden röcheln, räuspern und knattern. Ein weiterer Aspekt dieses Phänomens: In Kino-Vorstellungen sei der Hustenanteil deutlich geringer, so Wagener. Musik beeinflusse zwar den Puls, die Leitfähigkeit der Haut, Blutdruck und Körpertemperatur, aber es gebe weder einen Beweis noch einen Grund dafür, dass die Begegnung mit Musik häufigeres Husten auslöst. Und schon 1980 habe eine sozialpsychologische Studie gezeigt, dass umso mehr Huster pro einzelner Person zu verzeichnen sind, je größer das Gesamt-Publikum ist – und dass die Zeithustenwahrscheinlichkeit steigt, je näher der Ersthuster dem eigenen Sitzplatz ist. Weiterer Beleg für die Steuerbarkeit von Halsgeräuschen sei die Tatsache, dass sich Huster wie Flutwellen durch den Saal bewegen können und damit als Teil eines sozialen Prozesses entlarvt wären.

Aus diesen Indizien gelangt Wagener zur ernüchternden Schlussfolgerung, dass Konzerthuster zu einem überwiegenden Teil als absichtlich und freiwillig zu verstehen sind. Eine Tat mit Vorsatz also statt im Affekt. Hier, bei der Frage nach dem Warum, kommen dann die soziale Komponente und die Verhaltensmuster mit ins Spiel. Die soziale Instanz Konzert – bei der man lange tun und lassen konnte, was und wie laut man wollte – wurde im Rahmen der Verbürgerlichung der Musikindustrie im 19. Jahrhunderts in ein immer engeres Verhaltenskorsett gesteckt, da ist man als Besucher schon froh, wenn man sich unkontrolliert bemerkbar machen kann. Langeweile oder Ablehnung können weitere Gründe sein. Und wer deswegen hustet, kann sich immer noch mit einem Schulterzucken als krank und damit halbentschuldigt aus der Affäre ziehen. Husten kann ein nichtsprachlicher Ersatz sein für die verpönte unmittelbare Meinungsäußerung, es ist genau so eindeutig und allgemeinverständlich wie der reglementierte Applaus oder die Buhs am Ende einer Vorstellung.