Außer Atem

Wenn Sekretärinnen zuviel ballern

Elmar Krekeler bekommt es allmählich mit der Angst zu tun

Man fragt sich ja, ob das alles so gut ist für die geistige Gesundheit. Drei, vier Filme am Tag. Sechs, acht Stunden in fremden Geschichten hocken. Absurden, gruseligen, sehr realen Geschichten. Irgendwann lappt alles über-, kragt ineinander. Legt sich als unappetitlicher Geschichtenstrang ums Hirn und vor die Augen. Glaubt man gar nicht, was man nach drei Tagen Bärenjagd alles sieht. Oder zu sehen meint. Vor was man Angst bekommt in der wirklichen Wirklichkeit, die doch gerade noch so schön harmlos aussah.

Vor Sekretärinnen und weiblichen Bürofachkräften zum Beispiel. Diesen harmlosen, netten Wesen, die gern aussehen, als ob sie Gloria hießen. Gloria wie die geschiedene Mittfünfzigerin in Sebastián Lelios Film. Die greift, als sie genug hat von ihrem verkorksten Leben und Liebesleben zum Paintball-Gewehr und ballert Farbe in die Welt. Das kann jeder passieren, an jedem Wochenende. Man sollte vorsichtig sein heute morgen. Bloß kein falsches Wort. Sonst… Farbe.

Oder der Wald. Das ist besonders tragisch. Wenn wir etwas gelernt haben auf der Berlinale, dann um die Gefahr von Bärenfallen. Die sind das große Mörder-Ding. Die liegen überall herum. Schon drei Tote gab’s durch die zuschnappenden Landminen für Pelztiere. Erst einmal nur in kanadischen Wäldern, zugegeben. Aber noch ist ja nicht aller Waldfilme Ende. Und ich frag mich schon jetzt: Werde ich je wieder ohne Angst selbst durch Gehölz streifen, von denen ich weiß, dass der letzte Bär vor Jahrhunderten durch sie durch gestromert ist?

Wahrscheinlich nicht. Es ist halt leider so: Was andere in Krankheiten, bin ich in Fiktionen. Ich krieg – und das ohne jegliche Zufuhr von Alkohol – regelmäßig das, was ich gesehen hab. Vor allem das, wovor ich mich grusele.

Nach Bukarest brauch ich gar nicht mehr hinfahren, seit ich weiß, was Charlie Countryman zugestoßen ist (Drogen, Prügel, Schüsse). Da wollte ich sowieso nie hin. Von Klöstern immerhin – auch so ein großes Seelenmörderding dieser Berlinale (Folter, sexuelle Perversionen, Zwangskasteiung) – bin ich seit meiner Internatszeit sowieso geheilt. Ganz sicher breche ich mir aber demnächst beide Beine (zweimal geschehen im Wettbewerb) und verfalle wenigstens zeitweilig weicheren Drogen (geschieht dauernd ).

Was wirklich ist, wer weiß das schon, wo selbst das Wirkliche manchmal merkwürdig ist. Gestern hab’ ich einen gesehen, der stand am Sonntag noch in meinem Wohnzimmer. Mit einem Gewehr in der Hand. So ein Bärtiger, Untersetzter. Er hat da auf einen Mann geschossen. Nicht auf mich. Er war ja im „Tatort“, in Konstanz, im Fernseher. Aber dessen Wirklichkeit ist in HD vom Wohnzimmer kaum mehr zu unterscheiden. Jetzt also stand der Mann auf dem Potsdamer Platz. Er sah aus wie in HD. Er hat auch geschossen. Mit einem Fotoapparat. Bilder. War ich erleichtert.