Klassikkritik

Kunst des Dienens: Anne-Sophie Mutter spielt Geige

Witold Lutoslawski feiert in diesem Jahr seinen hundertsten Geburtstag.

Dem polnischen Komponisten zu Ehren spielten die Philharmoniker sein umstürzlerisches „Konzert für Orchester“ von 1954, das alle musikästhetischen Vorschriften der Stalin-Zeit niederriss. Die Moderne konnte beginnen. In dieses Jahr des dankbaren Gedenkens fällt aber auch der 50. Geburtstag von Anne-Sophie Mutter, der dankbar umjubelten Solistin des Abends, die Dvoraks Violinkonzert spielte, ihm aber gewissermaßen gleich zu Beginn die ihr zweifellos am Ende abverlangte Zugabe vorausschickte: die kleine Romanze f-moll, gleichfalls von Dvorak, kompositorisch umgeknetet aus dem Andante des Streichquartetts Nr. 5 in f-Moll. Ein entzückendes Stück, wie geschaffen, sich in die Musikwelt Dvoraks hineinzuhören – und in die Anne-Sophie Mutters dazu.

Es ist eine Welt der Schlackenlosigkeit und des schier unendlichen Wohlklangs. Frau Mutter weiß offenkundig, wozu der liebe Gott die Geige erfunden hat: nämlich sein Lob zu singen. Sie tat es prompt mit der ihr eigenen Sorgfalt und Hingabe, ohne von beidem einzig für sich ein winziges Stückchen zurückzuhalten. Anne-Sophie Mutter spielt Geige – und mehr nicht. Dies allerdings auf schier einzigartige Weise.

Sie hat zu ihren drei Berliner Konzerten (das dritte erklingt heute Abend in der Philharmonie) einen Dirigenten mitgebracht, der bei dieser Gelegenheit bei den Philharmonikern in Berlin debütierte: Manfred Honeck, dessen ruhiges, selbstsicheres Können am Pult sich das hoch angesehene Pittsburgh Symphony Orchestra bereits bis zum Ende der Spielzeit 2020 gesichert hat.

Honeck ist ein Mann der ruhigen Hand, die nichts anderes tut, als sorgsam den Vorschriften der Partitur zu folgen. Er hat nicht im Sinn, sich dirigierend hervorzutun, sich irgendwie interessant zu machen. Alles Interesse wird ausschließlich auf die Musik konzentriert, und darin folgt er, wie beiläufig, haargenau der Gestaltungsidee von Anne-Sophie Mutter. Beide vereint bilden ein vorbildhaftes Interpretenpaar, das keinen Augenblick lang die Ideen der Komponisten, ob sie nun Dvorak oder Lutoslawski heißen, aus dem Auge, aus dem Herzen, aus dem Sinn verliert, sondern einzig die selbstlose Kunst des Dienens zu Wort kommen lässt. Die wurde denn auch ausdauernd bewundert und am Ende ebenso gefeiert.