Berlinale

Der Einfluss der Vertriebenen

Die Retro „The Touch of Weimar“ ist den Exilanten gewidmet

Der neue Hausherr kann es kaum erwarten, die unliebsamen Mieter los zu werden. Im hohen Bogen fliegt das Mobiliar aus dem Fenster. Nun sitzen die Obdachlosen im Hof und rätseln, wie es weitergehen soll. „Wir müssen ein neues Leben anfangen“, sagt der Großvater: „Wir haben ja schon Übung darin.“ Es fällt nicht schwer, den Auftakt zu Hermann Kosterlitz‘ Komödie von 1934 als Allegorie auf das Exil zu lesen, in das die Nazis nicht-arische Bürger vertrieben. Kosterlitz und seinem Produzenten Joe Pasternak mochten die Dreharbeiten in Ungarn anfangs nur als Episode erscheinen. Sie hofften wohl, dass der braune Spuk in Deutschland bald vorüber sei. Sie konnten nicht ahnen, dass sie kaum ein Jahrzehnt später ein erfolgreiches Gespann in Hollywood sein würden, wo sich der Regisseur Henry Koster nannte. Ihr Film war da schon ahnungsvoller, er lädt dazu ein, die allegorische Lesart fortzuspinnen. Zu allem Überfluss werden der Enkelin im Hof auch noch die Kleider gestohlen. Um sich und den Opa durchzubringen, gibt sie sich als Junge aus und arbeitet in einer Autowerkstatt. Um der Karriere willen muss auch Renate Müller in „Viktor und Viktoria“ (1933) eine Hosenrolle spielen, wie Jessie Matthews im britischen Remake „First a girl“ von 1935.

Maskerade und Verstellung sind ein heimliches Leitmotiv der diesjährigen Berlinale-Retrospektive. Ernst Lubitsch schöpft daraus Kapital in „Sein oder Nichtsein“, sein gelehrigster Schüler Billy Wilder feiert in „Manche mögen’s heiß“ die Travestie als Überlebenskunst. Das Exil erforderte von den rund 2000 Filmkünstlern, die nach der Machtergreifung Hitlers flohen, eine enorme Anpassungsleistung. Wie demütigend musste es für viele Schauspieler sein, in Hollywood nur die Rolle derer angeboten zu kommen, die sie vertrieben hatten! Ihr Akzent ließ ihnen keine andere Wahl, als Nazischergen in Propagandafilmen zu verkörpern.

Das Exil ist eine von zwei Linien, die sich meist parallel durch „The Weimar Touch“ ziehen. Die zweite ist der ästhetische Einfluss, den das deutsche Kino nach 1933 weltweit hatte. In fünf thematischen Gruppen spannt die Filmschau ein Netz der Kontinuitäten und Wechselwirkungen. Mit nur 31 Filmen lässt sich eine Chronik des Filmexils allenfalls skizzieren. Die Niederlande werden als wichtige Station kenntlich: Zwischen 1934 und 1940 entstand dort nur ein einziger Film ohne Mitwirkung von Emigranten. Welch heftigen antisemitischen Anfeindungen deutsche Emigranten etwa im französischen Kino ausgesetzt waren, lässt sich in diesem engen Rahmen nicht vermitteln. In Hollywood hatten die Emigranten beschränkt Handhabe, filmischen Widerstand gegen Hitler zu leisten. Allerdings waren sie maßgeblich an den eindringlichsten Anti-Nazi-Filmen beteiligt: Douglas Sirk und Fritz Lang etwa drehten nach dem Attentat auf Heydrich „Hitler’s Madman“ und „Auch Henker sterben.

Das Einflussdelta der experimentierfreudigen Weimarer Filmästhetik ist breit. Seinen Ursprung nimmt es bereits in den 1920er Jahren. Als Murnau von Hollywood engagiert wurde, studierten John Ford und Howard Hawks augenblicklich dessen Stil. Ernst Lubitsch war ein Leitstern des japanischen Vorkriegskinos. Das kunstvolle Helldunkel der Filmfotografie wurde zu einem prägenden Vorbild für den Poetischen Realismus in Frankreich und den Film Noir in Hollywood. Aber auch die melancholische Leichtigkeit, die aus dem deutschen Kino nach 1933 verbannt wurde, hatte im Exil ein Nachleben: Max Ophüls drehte mit „Brief einer Unbekannten“ 1948 in Hollywood den schönsten aller Wien-Filme.