Berlinale

Wong Kar-wais doppelter Berlin-Aufschlag

Einige der Anwesenden im Konferenzsaal hätten wohl doch ein Deo benutzen sollen. Andererseits tragen gerade die Pheromone zu dieser Vorfreude bei. Auch wenn in Wahrheit nur Filmemacher und Festivalleiter erwartet werden, kribbelt es doch am ganzen Körper. Die Dolmetscherinnen salben sich die Lippen ein letztes Mal warm, bevor sie übersetzen werden. Um zehn vor elf wird das Kribbeln zum Surren. Die Fotografen feuern erste Freudensalven in Richtung des noch leeren Tisches. Dann kommt die Jury. Die Fotografen geben vulgäre Kommandos. „Give it to me. To the left. To the Right.“ Nach einer Minute ist alles vorbei und die Fragerunde kann beginnen.

Von links nach rechts sitzen dort Allen Kuras, die amerikanische Kamerafrau, Tim Robbins, der große „Dead Man Walking“-Regisseur, die iranische Filmemacherin Shirin Neshat, Wong Kar-wai, der Jurypräsident und Regisseur des Eröffnungsfilm „The Grandmaster“, die dänische Regisseurin und Oscar-Preisträgerin Susanne Bier, der deutsche Regisseur Andreas Dresen, die griechische Kollegin Athina Rachel Tangari.

In den neunziger Jahren war Wong zwei Mal auf der Berlinale, dann war er nur noch in Cannes vertreten. Jetzt debütiert er gleich mit einem Doppelaufschlag: als Präsident und Regisseur des Eröffnungsfilm. Das Amt und die damit verbundenen Aufgaben, zehn Tage lang Filme aus aller Welt zu sehen, zu besprechen, zu bewerten, gelingen ihm sicherlich famos. Dabei stellt er von vornherein fest, was ein Filmfestival leisten soll: Filme feiern. „Sie sollen uns berühren“, sagt er.

Mit zen-buddhistischer Ruhe sitzt er in der Mitte der Konferenz. Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Die dunkle Sonnenbrille verdeckt die seinen. Angeblich sei er sehr lichtempfindlich. Witzig ist, dass er diese Gläser rund um die Uhr trägt. Dabei dreht er doch nur nachts. Vielleicht entsteht daraus diese Wong-typische Bildsprache der Farb- und Bewegungsästhetik.

Doch die meisten Fragen gelten der Iranerin Shirin Neshat. Das sind Fragen an eine Frau, die nicht in das Land ihrer Geburt zurückkehren kann. Die sich mit der Rolle der Frau in einer muslimisch geprägten Welt auseinandersetzt. Sie ist stolz darauf, dass die iranische Film-Community dieses Jahr auf Berlin schaut. „Das Festival beweist viel Mut. Aber wir sollten die Filme künstlerisch betrachten und nicht als politisches Statement“, sagt sie.

Zweieinhalb Stunden später gibt Wong gleich noch eine Pressekonferenz. Er ist ja nicht nur Jury-Präsident, auch der Eröffnungsfilm, ein Unikum für ein Filmfestival, ist von ihm. War die Jury-Pressekonferenz noch eine gemäßigte Fragerunde, so strahlt die „The Grandmaster“-Fragerunde noch mehr Glamour aus. Jubelrufe, lang anhaltender Applaus für die beiden Darsteller Tony Leung und Zhang Ziyi. Der Film über die asiatische Großmeisterkultur kommt hier an. Und obwohl er schon viele Filme mit Wong gedreht hat, erzählt Tony Leung, „The Grandmaster“ habe es geschafft, ihn noch disziplinierter und präziser spielen zu lassen. Vier Jahre nahm Leung für seine Rolle Unterricht in der Kunst des Wing Chun. Europäer nennen es plump Kung-Fu. Da darf man auch mal Schlangenleder-Sakko tragen.