Berlinale

Schnee, der auf Cineasten fällt

Elmar Krekeler macht sich wetterfest und fährt in den Wedding

Cannes kann das nicht (ich schwör es, das ist mein letzter Scherz mit „Cannes kann“ in den kommenden zehn Tagen). Und Venedig erst recht nicht. Man fährt des Morgens mit dem Auto zum Filmfest. Die Straßen sind leer, weil Ferien sind, an Schlaglöchern vorbei, so groß wie die Handabdrücke im Walk of Fame von Hollywood, aber fünf Mal so tief. Der Himmel strengt sich solange an, mediterran über dem preußischen Bodenfrost zu leuchten, bis sein Schweiß als Schnee herunter kommt. Im Radio plärrt die vergessene Kinderkassette der verreisten Familie „Winter ade“. Man möchte weinen.

Aber weil es nichts hilft, fährt man weiter in den Murmeltiertag. Es ist wie jedes Jahr. Vermummte Menschen stehen vor der gewalttätigen Berlinale-Palast-Architektur und reden mit der Kamera über nichts, weil noch kein Film zu sehen war. Der Kollege vom Frühstücksfernsehen hat sich immerhin, das haben wir im warmen Bett noch gesehen, einen neuen Mantel geleistet. Die Stimme des Festivalchefs blechert über die zugige Ebene zwischen Kino- und Burgerpalast. Weihnachtssterne hängen in den Bäumen. Verhuschte Cineasten in wurstigen Anti-Arktis-Jacken wehen ins Hyatt.

Da kann man beruhigt die Heizung abstellen. Die Pressekonferenz ist sowas von wetterfest. Auch der Jury-Vorsitzende. Er sagt, das Wetter sei doch wurscht, weil das hier doch die Berlinale sei und ein intimes Festival. Und dass er sich freut. Und man sieht sie schon vor der Leinwand aneinandergekuschelt sitzen, zehn Tage lang, die sieben Juroren. Mit Decken über den Knien, die sie auch nötig haben, wie wir unsere Outdoor-Kluft. Nicht nur des Schneegriesels wegen, der über einen herunterstreuselt auf der Flucht vom Pressezentrum ins Kino. Sondern auch Wong Kar-wais „Grandmaster“ wegen, den nun alle sehen wollen. Und deswegen rennen. Und sich zu schlagen drohen, als wollten sie selbst sich schon mal warmprügeln für die Handkantenschlagorgie, die auf der Leinwand gleich in Zeitlupe und mit allem Komfort abfotografiert vonstatten geht.

Neben mir die Kollegin wirft sich Datteln in den Rachen. Alle paar Minuten überprüft sie auf dem Smartphone die Uhrzeit. Und hustet in einem fort. Hab meine Pastillen vergessen. Wong Kar-wais China ist kein Balsam. Entweder es regnet oder es schneit, während sich schöne Menschen höchst elegant Hände und Füße um die Ohren hauen. Die schönen Menschen werden nicht glücklich. Eine Geige weint dazu.

Schnell weg. An den äußersten Rand des Berlinale-Orbits. Eine Viertelstunde durch entsetzliche innerstädtische Industriebrache Richtung Norden steht das Krematorium Wedding. Ein magischer Ort. Wie ein Gruselschloss aus der Stummfilmzeit. 1912 von William Müller gebaut. Und was sieht man, wenn man reinkommt in „Waves vs. Particles“, die Video-Ausstellung des „Forum Expanded“? Windgepeitschtes Meer, Regen, Schnee. Zum Glück hat man Handschuhe dabei und die Mütze auf. Im Kolumbarium werden schneeige Bilder in die Wandhöhlen geworfen, in denen früher die Urnen standen. Es ist finster. Man muss aufpassen, dass man nicht über irgendwen stolpert. Durch milchige Fenster fällt grünliches Licht in die Treppenhäuser. Fantastisch.

Vom ewigen November und Einsamkeit umfangen, fährt man zurück zu den Bären vom Potsdamer Platz. Die Lautsprecher plärren „Kommt ein Vogel geflogen“. Es schneit. Ein Mann torkelt über den Mittelstreifen. Es ist zum Heulen. Die Kassette fliegt raus.