Theater

Der höllische Fluch: Phädra liebt bis zur Raserei

Corinna Kirchhoff im Renaissance-Theater

Liebe ist eine Himmelsmacht? Eher ein höllischer Fluch, wenn man sich diese Phädra anschaut: Schmal wirkt sie, ausgelöscht, leer stiert der Blick ihrer geröteten Augen in die Ferne. Blass und verheult tastet sie sich an der Klagemauer entlang, die sich mitsamt einem Steg schräg ins Parkett schiebt. Und das alles, weil sie ihren Stiefsohn bis zur Raserei liebt. Das ist zwar kein echter Inzest, hatte aber schon bei den alten Griechen ein unangenehmes Geschmäckle. Als sich Phädra dazu durchringt, Hippolytos ihre Gefühle zu offenbaren, weil sie glaubt, dass ihr Gatte König Theseus tot ist, findet das der Angebetete verstörend. Auch, weil er in eine Feindin des Vaters verliebt ist, Prinzessin Arikia. Kein Wunder, dass beide etwas zu verbergen haben, als Theseus plötzlich auftaucht...

Mächtig dreht sich das Leidenschaftskarussell in Jean Racines „Phädra“ von 1677, damals geschrieben für eine höfische Gesellschaft, in der die Selbstbeherrschung oberste Adelspflicht war. Schließlich geht es immer auch um Macht, um die Durchsetzung dynastischer Interessen. Deshalb drängen die Vertrauten der hohen Herrschaften so vehement auf ruhiges Blut und einen klaren Kopf. Den behält auch Regisseur Torsten Fischer, der für Gisbert Jäkel eingesprungen ist. Fischer konzentriert sich in seiner auf knappe zwei Stunden eingedampften Version auf Simon Werles reimlose, aber dennoch klassisch-zeitlose Nachdichtung. Und darauf, dass im Leidenschaften-Zirkus niemand die Hände ringt. Stattdessen gibt’s überschaubare Gesten vor der weißen Wand, die sich zuweilen expressiv als Schatten doppeln: hier ein freundschaftliches Balgen, dort ein zartes Hand-Ergreifen. Jakob Diehls grenzhysterischer Hippolytos und Meriam Abbas’ blasse Arikia plänkeln miteinander, hier knarzt und spreizt sich Wolfgang Michaels eitler Theseus zwischen Mick Jagger und Dr. Caligari und macht mit wenigen Machtgesten klar, dass der Chef wieder im Haus ist.

Vor allem aber die Vertrauten, die immer wieder an die Vernunft ihrer Chefs appellieren, bringen den Abend auf Temperatur: Bei Annika Mauers Stimmfarbpalette kann schon ein beiläufiges „Der König kommt“ wie ein Fanal klingen. Und wenn Susanne Barths Önone die Augen rollt, weil ihre Chefin Phädra mal wieder am Rad dreht, blitzt weise Ironie auf. Mit ihren starken Auftritten füllen sie die Lücke, die Hippolytos, Arikia und vor allem Corinna Kirchhoffs fahle Phädra reißen: Derart freudlos, ja altjüngferlich ist selten geliebt worden. An der Hysterie dieser Königin ändert sich nichts. Wenn Kirchhoff „Ich lüüübe“ gurrt und dazu Hippolytos übers Knie legt, dämmert’s: Leidenschaftlicher wird’s nicht. Der Glutkern dieses heißkalten Macht- und Leidenschaftsspiels bleibt leer.

Renaissance-Theater, Knesebeckstraße 100. Wieder am 15.-17. 3., 27.-29. April.