Kunstsache

Verheißung in der Karibik

Gabriela Waldes wöchentlicher Streifzug durch die Berliner Galerien

Das Schöne an der Kunst ist, dass sie sich immer wieder neu erfindet. Als viele die gute alte Malerei für mausetot hielten, brachte die Neue Leipziger Schule mit ihren verschlüsselten, mit sozialistischen Symbolen rätselhaft aufgeladenen Gemälden ordentlich Schwung ins Reich der Leinwand. Das ist lange her, aber seither spricht eigentlich niemand mehr von ihrem Ableben. Schließlich gibt es junge Künstler wie Janis Avotins, Jahrgang 1981, der das Medium buchstäblich an der Faser packt. Im Übrigen ist er eine Entdeckung.

Emma steht mit weiten Augen vor den kleinformatigen Bildern. „Sind das Stickereien?“ fragt sie. „Sieht eher aus wie eine Zeichnung“, sagt eine Besucherin neben ihr. Avotins’ Gemälde sind von einer seltsamen, rätselhaften Tiefe, schemenhafte Figuren tauchen auf aus vagen, leeren, nebelhaften Bildräumen. Melancholisch wirkt das, einsam. Grau und Beige, so die zurückgenommene Farbigkeit. Sie sind das Gegenteil von den flimmernden digitalen Farbwelten, ein Augen-Sedativum. Wohin entschwinden diese Gestalten? Küsst der Mann die Frau? Münder, Gesichter, einzelne Körperteile, Architekturen, Zimmerfluchten. Dazu überzieht ein leiser „Riesel“ von dunklen Pigmenten diese anonymen Szenerien.

Viel weiß man von diesem stillen, jungen Mann nicht, er lebt und arbeitet in Riga, erzählt er uns. Immerhin verrät er uns sein Geheimnis: Die Leinwände bestehen aus einer besonderen Mischung aus Baumwolle und Synthetik, durch diesen Mix kommt es zu der ungewöhnlichen Streuung von Pigmenten. Avotins hat einen speziellen Lieferanten, der diesen Stoff produziert. Irgendwann stieß er mal darauf, probierte ihn aus, und siehe da, der malerische Effekt ward geboren. (Galerie Johnen, Marienstr. 10. Di.–Sa. 11–18 Uhr. Bis 23. Februar)

Einer, der sich auch mit Effekten, wenngleich anderer Art, auskennt, ist Julien Michel. Seine Gemälde sind das Gegenteil von Avotins’ Kammerspiel: poppig, frivol, grell. Michels Bildquellen waren Magazine und das Internet, besonders die allzeit verfügbaren Datenbanken von Bildagenturen, die Tausende von Motiven im Fundus haben: Models, Autos, Promi-Porträts. Mithilfe eines Bildbearbeitungsprogramms setzte er Themen neu zusammen, die er auf die Leinwand übertrug, um dann den Pinsel anzusetzen. So ist auch der „Wasserfall“ entstanden, fast fünf Meter groß; gleich denkt Emma an ein Billboard oder ein historisches Kinoplakat, das in Farbigkeit und Größe für Las Vegas taugen würde. Das Gemälde ist eine Verheißung. Im karibischen Paradies tummeln sich zwei schöne Boys, deren Sixpack man nur bewundern kann. Meine Güte, selbst der Schweiß auf der Haut wirkt ästhetisch. Emma findet, dass der „Wasserfall“ ganz nah am Kitsch vorbeischliddert. Aber genau das war ja Michels Ansatz, diese Gemälde wollen die Strategie von Werbung dechiffrieren. Julien Michel lebt nicht mehr, 2012 starb er mit 38 Jahren. Mehdi Chouakri hat nun schwarz umrahmte Einladungskarten verschickt. Die letzten zehn Jahre war Michel von der Bildfläche verschwunden, ob seine Depression ihn hinderte, wer weiß das. Die blassen Hunde-Zeichnungen jedenfalls wirken wie ein Nachlass. Klein, still und dem Verschwinden nahe. (Invalidenstr. 117. Di.–Sa. 11–18 Uhr. Bis 22. März)