Kunst

Der amerikanische Albtraum

In der Schau „Welcome Home“ zeigt Wiebke Loeper, wie gruselig ein Zuhause doch sein kann

Wir Europäer sehen da nur einen ganz furchtbar hässlichen Fußboden in einem kleinen Zimmer, in das gar kein Licht strömt. Nie kämen wir auf die Idee, eine Wohnung aufgrund eines solchen Fotos beziehen zu wollen. Vor allen Dingen nicht, wenn wir wüssten, dass sie 600.000 Dollar kosten soll. Aber der Amerikaner, der sieht das Bild ganz anders. Im Fenster des Zimmers angedeutet meint er eine Landschaft zu erkennen. In der Immobilienanzeige steht nur „Spectacular View“ – ein spektakulärer Ausblick also.

Für die Fotoausstellung „Welcome Home“ hat sich Wiebke Loeper auf die Suche nach dem amerikanischen Traum gemacht. Und zwar in Anzeigen aus dem Immobilienteil der L.A. Times. 2006 verbringt sie dort einige Zeit in der Villa Aurora. Das ist ein sehr schönes Haus, hoch auf dem Hügel, im dem einst Feuchtwanger lebte, heute dürfen dort Stipendiaten aus den verschiedensten Kunstrichtungen einige Zeit arbeiten. Gerade zum Beispiel halten sich dort die Schriftstellerin Bernadette Conrad sowie die Filmemacher Leo Khasin und Justin B. Rathke auf. 1998 war Rosa von Praunheim zu Gast.

Suche nach Immobilien

Diese Anzeigen in der L.A. Times sind jedenfalls streichholzschachtelgroße Zauberbilder. Eigentlich sieht man gar nichts. Aber der Amerikaner stellt sich darunter etwas vor, mein Wiebke Loeper. „Es geht denen um Imagination, zu sagen, wow, der Ausblick ist ja toll.“ Die müssen gar nichts sehen, so lange sie sich den Blick nur vorstellen können. Durch das Aufblähen der kleinen Anzeigenbilder in Formate von geschätzten 40x40 Zentimentern, wird ihre Absurdität noch viel greifbarer. Im Gegensatz zu diesen steht die Realität, der von Loeper selbst angefertigten Bilder.

Loeper beginnt also die Zeitung nach viel versprechenden Anzeigen zu durchsuchen. Innerhalb von drei Monaten besichtigt sie mit Alibi-Männern zahlreiche zum Verkauf stehende Immobilien. Die Männer lenken, sofern überhaupt einer da ist, die Makler ab. In der Zwischenzeit kann die Fotografin in aller Ruhe alles um sie herum dokumentieren. Wiebke Loeper steht inmitten der ganzen Arbeiten aus dieser Zeit in der Galerie cubus-m in der Pohlstraße in Schöneberg. Die Frau mit diesen ganz kurzen Haaren, die früher mal dunkel waren, jetzt aber schon grau sind, sieht echt jung aus. Das liegt daran, das ihr Grau kein altes Grau ist. Wiebkpe Loeper wurde 1972 in Ost-Berlin geboren, genau da, wo heute die Mercedes Bank und das Ibis-Hotel stehen, am Alexanderplatz.

Mit vierzehn schon will sie Fotografin werden, als sie 18 ist, die Mauer ist gerade gefallen, beginnt sie mit dem Fotografiestudium in Leipzig bei Arno Fischer und Joachim Brohm. Seitdem hat sie in Mexiko, Glasgow, L.A. und sonstwo Vorträge gehalten. Mindestens zehn Stipendien abgeräumt. In China, Griechenland und Irland ausgestellt. Kurzum das Grau ist Lebe-Grau. Ihre Augen sind tiefgrün. Momentan lehrt sie Fotografie an der FH Potsdam.

In einer Mischung aus Amusement und Erstaunen schildert sie jetzt, dass eben gar nicht in allen Häusern Makler waren. Einige dieser Appartements werden morgens aufgeschlossen, vor die Tür kommt das Schild „Sale“ dran. Innen drin liegt eine langweilige Broschüre über das Haus, die man sich mitnehmen kann. Tagsüber kommen die Besucher und abends wieder der Makler zum Zusperren. So einfach ist das dort.

Aber wie geht das zusammen, fragt sie sich, dass Schilder in den besseren Gegenden darauf hinweisen, dass bei unberechtigtem Betreten des Grundstückes geschossen wird, und dann lassen einige die Türen ihrer Häuser einfach offen stehen. „Das ist das weiße Amerika. Dem anderen Weißen traut man.“ Ihre Antwort klingt einleuchtend und ein bisschen erschreckend. Wenn einer so eine teure Immobilie kaufen will, wird er schon einer von uns sein, könnte man die Einbildung dieser Menschen formulieren. Aufgrund der Oberfläche wird entschieden. Es kann kein Zufall sein, dass in Amerika die Popkultur erfunden wurde. Der amerikanische Traum, etwas „werden zu wollen“, spricht von einem Zustand, der herbeigesehnt wird. Wenn man eben nicht reich ist, dann zieht man sich wenigstens so an. Oder man dekoriert sein Haus so.

Die fotografierten Inneneinrichtungen haben etwas von Schauspielkulissen. Da ist eine Tür in der Wand an einer Treppe und man fragt sich, was die da soll. Daneben ist eine Art Bar, aber da wird nie jemand sitzen, weil der Tresen mit den Stühlen vor einer Wand ist und der Tresen nur dreißig Zentimeter tief. In einem Haus, das war bewohnt, war der Esstisch immer gedeckt, obwohl die Familie daran nie gegessen hat. So wird selbst das Zuhause, Schutzort der Familie, zur Leinwand, auf die der Traum projiziert wird.

Im Kontrast zu den farbigen Amerika-Arbeiten von 2006 stehen Loepers Anfänge aus dem Jahr 1992. Schwarz-Weiß, Kleinbild. Eigentlich war das eine Strafaufgabe von Arno Fischer. Wiebke Loeper hat immer so schön fotografiert. Perfektes Licht und groß inszeniert. Der Arno Fischer hat das gesehen und gemeint: „Jetzt fotografierst Du nur nachts, ohne durch den Sucher zu schauen und mit Weitwinkel.“ Für Loeper war es die Höchststrafe.

Aber dadurch kam ihre Wut heraus. Die Wut auf diese erstarrten Strukturen in dem Land, von dem sie erst nach der Wende erfahren hat, dass das ihre Heimat war. Ihre Eltern haben immer davon erzählt, wegzugehen. So hat sie sich nie mit diesem Land identifiziert. Das kam erst mit der Wende. Die Wut ist bei Loeper zärtlich und doch da. Vor hässlichen Blümchentapeten neigen sich die viel zu großen Blätter einer Zimmerpflanze. Und so ist sie wirklich heimgekommen. Von den Einrichtungen Amerikas über die tristen Tapeten in das Hier und Jetzt. Auf einem Bild ist durch ein Fenster so ein großer SUV zu sehen. Und Loeper sagt, dass die jetzt schon ganz Mitte zuparken. Nur bei uns heißt das nicht American Dream, sondern Gentrifizierung.

Galerie cubus-m, Pohlstr. 75. Bis 9. März.