Johann Haehling

Freude am Vergänglichen

Johann Haehling von Lanzenauer gehört die Circle Culture Gallery in Mitte. Er hat Gespür für Kunst und auch für Marketing – wie die neue Ausstellung zeigt

Johann Haehling von Lanzenauer – ein Name wie ein Husarenritt. Tatsächlich, der Galerist entstammt einer Familie aus dem deutschen Militäradel. Und zwar schlug ein Vorfahre Napoleon bei der Völkerschlacht zu Leipzig. Das war ein junger deutscher Oberkommandant, der für Österreich in den Krieg zog und aus der Nähe von Leipzig stammt. Der genaue Ort hieß Lunzenau. Jedenfalls war seine Taktik erfolgreich. „Dafür wurde er geadelt vom Kaiser Franz, vom Freund von der Sissi“, meint von Lanzenauer im Eingang zu seiner Ausstellung „Ephemeral“ und lacht und danach sagt er: „Die Kaiser damals, die hatten gutes Marketing. Da gab's auch noch ein Wappen dazu.“

Tatsächlich kennt sich von Lanzenauer besser mit Marketing als mit Krieg aus. Er war mal Werber. Hatte eine eigene Agentur. Er war auch mal Art Director bei Nike. Für Kulturmagazine hat er auch geschrieben. Mit 17 hat er in Baden-Baden, da kommt er her, sogar seinen eigenen ersten Club gemacht. Inzwischen betreibt er seit 2001 die Circle Culture Gallery in der Gipsstraße. Eine Dependance in Hamburg gibt es auch. Man könnte sagen, der Johann Haehling von Lanzenauer ist ein Macher. Aber keiner mit schlecht sitzendem Anzug, sondern einer mit Bart und einer, mit dem man über Skateboardfahren und Jointrauchen reden kann, wenn man sich gemeinsam an die Jugend erinnert.

Kooperation mit Pret-A-Diner

Seit dem 19. Januar ist Pret-A-Diner wieder in der Stadt und residiert in den alten Opernwerkstätten in Mitte. Das ist dieses temporäre Restaurant, das Sterneküche bezahlbar anbieten soll. So hat sich das der Caterer Klaus Peter Kofler ausgedacht. Klaus Peter Kofler gewinnt für seine Essens-Konzepte gefühlt mindestens einen Preis pro Jahr. Genauso wie Prêt-à-porter im Verhältnis zur Haute Couture soll sich Pret-A-Diner zur Haute Cuisine verhalten. Hochwertige Produkte wie vom Designer gibt es hier – eben vom Sternekoch entwickelt –, aber für eine größere Zielgruppe gedacht und natürlich ein bisschen günstiger. Dazu hat Johann Haehling von Lanzenauer eine Ausstellung zusammengestellt, die „Ephemeral“, also flüchtig, vergänglich heißt. Das passt ja ganz gut. Das temporäre Restaurant, dass dieses Jahr noch in Miami, Rio, Venedig und sonst wo aufmacht, wo es was mit Kunst gibt, und die Ausstellung, die sich eben mit Vergänglichem beschäftigt.

Zusammen mit von Lanzenauer gehen wir also durch die Ausstellung und schauen auf den jungen Arnold Schwarzenegger. Jonathan Yeo, so ein britischer Künstler, der mit seinem Portrait von der schwangeren Sienna Miller noch bekannter wurde als er eh schon war, zuvor porträtierte bereits Dennis Hopper und Rupert Murdoch, hat aus Pornoheft-Schnipseln eine Schwarzenegger-Collage angefertigt. Deswegen heißt die Arbeit auch „Onan The Barbarian“, angelehnt an diesen Kinofilm mit Arni. Lanzenauer findet, dass dieser Muskelkult und Arnis Grinsen total pornografisch seien. Kalifornien sei ja an sich auch schon Pornografie, meint er. Und weil der Galerist sehr hungrig ist, fragt er, ob wir nicht erst was essen wollen, also machen wir das.

Wir sitzen an der Bar des Restaurants. Ein großer Steinmonolith. Der DJ steht in einem Jeep, es läuft so House-Musik, die keinem richtig weh tut, die aber auch nicht wirklich kickt. Nach dem ersten Drink darf man Johann sagen. Das Essen besteht aus einer dreiteiligen Menüfolge, bei der man aus insgesamt acht Teilen wählen kann. Insgesamt ergeben sich so 336 Kombinationsmöglichkeiten. Die Kellner sprechen Englisch, und vorab gibt es schon mal einen Gruß aus der Küche. So ein Blumenkohlpüree aus einer Art Eierbecher. Brot liegt in einer braunen Papiertüte. Bestimmt ist das eine ironische Brechung und eine Anspielung auf so eine Fastfood-Mitnehm-Tüte. Die Gerichte, die wir heute essen, hat sich Michael Kempf, ein Berliner Koch ausgedacht. Mit 26 hatte der schon seinen ersten Michelin-Stern. Danach kommt Matthias Schmidt aus Frankfurt dran. Am Ende kochen Helena Rizoo und Daniel Redondo aus Brasilien. Die Vorspeise heißt „Japanischer Bergpfeffer“ und der englischsprachigen Karte Glauben schenkend, besteht sie aus „Pumpkin, Sheep's Milk Cheese und Basil“.

Aber zurück zur Ausstellung. „Ephemeral“ ist wirklich sehenswert. Vierzehn Künstler aus der ganzen Welt, größtenteils mit einem Street-Art- oder Autodidakt-Hintergrund, haben Arbeiten zur Verfügung gestellt oder extra angefertigt. Eine Ticket-Arbeit von Shepard Fairey hängt da. Eintrittskarten, U-Bahn-Billets. Fairey ist der Hope-Obama-Künstler, der Obey-Artist. Ein Popkünstler, der selber Popstar geworden ist, weil sich jeder Typ mit Mütze und Bart, der vorgibt sich für Kunst zu interessieren, einen Obey-Aufnäher irgendwo hingenäht hat.

Dass Johann aus Baden-Baden kommt, hört man nur, wenn er über Stefan Strumbel spricht. Das ist ein Künstler, der eine katholische Kirche gestaltet hat. LEDS und Knallfarben hat der nach Goldscheuer getragen, so heißt der Ort mit der Kirche. Die sollte schließen, weil keiner mehr kam. Strumbel kommst aus Offenburg. Johann und Strumbel sind also genau 39,17 km von einander entfernt aufgewachsen. Jedenfalls schauen wir auf eine Kuckucksuhr von Strumbel, die lila ist. Oben drüber hängt ein Bambi und zwei Sturmgewehre kreuzen sich wie früher Degen. Bestimmt hängt die bald bei einem Warlord an der Wand, direkt neben der goldenen AK-47.

Pret-A-Diner, Zinnowitzer Str. 7. jeweils Di-So, bis 28.2. Reservierungen: Tel. 259 289 56 oder eat@pretadiner.com .